Das Wetter

These: ein guter Schriftsteller kann über alles schreiben.

Meinung: Das ist Unsinn, denn ich wäre zum Beispiel definitiv nicht in der Lage, ein Buch über einen Massenmörder zu schreiben, der seine Opfer anschließend seziert und dabei mittels Tonband Tagebuch über deren inneren Strukturen führt. Dafür kenne ich mich im menschlichen Körper allgemein und mit der Chirurgie im Besonderen zu schlecht aus.

Gegenthese: man kann aus einem scheinbar banalen Thema irgendwie einen Text basteln.

Meinung: Schon eher. Nehmen wir also zum Beispiel das Wetter.

Heute ist es sonnig, ein paar Schäfchenwolken (→ keine Ahnung, ob das da am Himmel auch tatsächlich welche sind, aber es ist ein tolles Wort und jeder mag Schäfchenwolken) ziehen über uns hinweg, es ist windstill. Nach vielen, vielen grauen Tagen (der graueste Winter seit langsam, wie ich mir habe sagen lassen) kann man heute endlich mal wieder die Sonne live und in Farbe betrachten. Wohlgemerkt, nicht zu lange, das wäre schlecht für die Augen. In einiger Entfernung leuchtet es orange hinter den Bäumen, als hätten sie noch einmal ihr Herbstkleid angelegt. Tatsächlich ist es aber ein Warnlicht der städtischen Gärtner. Die Temperaturen kann ich durchs Fenster nicht erkennen, aber die wenigen Menschen, die Montagvormittag über den Platz unten gehen, sind mit Mantel und Schal unterwegs, also wird es eher winterlich kühl sein.

Inmitten dieser Idylle steht ein kleiner glatzköpfiger Mann, der seine Hände tief in die Manteltaschen steckt und das Gesicht in die Höhe hält. Er hat eine kleine Narbe unter dem linken Auge. Seine Füße stecken in Turnschuhen, die nicht so recht zu seiner ansonsten adretten Erscheinung passen. Seine Anzugschuhe sind letzte Nacht dem Hund zum Opfer gefallen, weil er sie im Flur stehen gelassen hatte, statt sie in den Schuhschrank zu räumen.

Eine hellgraue Wolke schiebt sich vor die Sonne und der Mann öffnet die Augen. Aus dem kleinen Glatzkopf wird plötzlich Prof. Dr. Reifenbach, ein angesehener Geschäftsmann, der eben auf dem Weg ist, seiner Geliebten ein paar Blumen zu kaufen und der nicht mehr an den Hund denkt, ebenso wenig an seine Frau.

Und schon hat sich das Wetter zu einer kleinen Geschichte weiterentwickelt, die mir just in diesem Moment in den Sinn kam. Womit ich nicht bewiesen habe, dass man über alles mögliche schreiben kann, aber immerhin aufgezeigt habe, dass man manchmal anfangen muss, um eine Idee zu haben – jetzt brauche ich nur noch eine dazugehörige Geschichte …

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