Wenn Fips zubeißt

Er kommt heimlich. Mitten in der Nacht schleicht er sich in ihr Bett, legt den Mund in ihren Nacken und beißt zu. Dort hängt er dann, wenn sie am Morgen aufwacht und versucht, ein Mensch zu sein. Dann durchströmt sie die ganze Leere ihres Seins, dann sieht sie das Böse in den Augen der anderen, dann ist der geringste Schritt zu weit, zu schnell, zu ziellos. Alles marschiert in Richtung Dunkelheit.

Sie bemerkt ihn nicht einmal, zuerst. Er ist einfach da, kontrolliert ihre Gedanken und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf jede Unzulänglichkeit, auf die Blicke der Mitschüler, der fremden Passanten, auf das Unvermögen, zu lächeln. fips 001Dann sagt sie sich Reiß dich zusammen und Was ist los mit dir? und Stell dich nicht so an, all die hohlen Phrasen, die sie später oft genug von denen hören wird, die es besser zu wissen glauben, sodass sie es sich selbst nicht länger zu berichten braucht. Fips hängt und zerrt einfach an ihr, bis sie irgendwann begreift, dass er da ist, real und schwer und lästig.

Aber Penelope hat den Augenblich des Abschüttelns verpasst. Nun sieht sie die Fehler in den Hausaufgaben mit den Augen der erbarmungslos Selbstkritischen, ihre Haare liegen nie so richtig wie bei den anderen Mädchen, ihr Bauch ist zu rund, ihre Ohren zu spitz, ihr Mund plappert zu oft sinnloses Zeug, auf das niemand je antwortet. Sie beschließt zu schweigen, um Fips besser zuhören zu können, der ihr all die Dinge aufzählt, die schlecht sind. Das Wetter, die stickige Luft im Bus, die langweilige Biostunde, der Fleck auf ihren neuen Schuhen, die unsaubere Handschrift in ihrem Hefter. Da ärgert Penelope sich, und ihr Ärger hat kein Ziel als sie selbst, denn alle anderen zu beschuldigen ist doch schließlich falsch, das hat sie gelernt.

Am Abend geht sie erschöpft zu Bett, aber Fips lässt nicht locker. Er ist da und er fragt nach dem Sinn des Lebens und ob sie den süßen Jungen in der Mensa gesehen hat, der mit der toll aussehenden Freundin, der sie niemals beachten wird? Ach, und wo wir einmal dabei sind, welche Vorstellungen von Familie hast du eigentlich? Meinst du, deine Kinder werden wohlbehütet und gut erzogen aufwachsen, wirst du einen liebenden Ehemann haben? Wo wirst du leben, und wovon wirst du leben?

Er beißt und zwackt und die Gedanken werden immer dunkler, bis Penelope sich fragt, was sie falsch macht, warum sie immer die Außenseiterin ist, warum ihre Mutter sie nicht liebt, warum das Leben so beschissen unfair sein muss und weswegen denkt sie das eigentlich alles? Wann hat Fips begonnen zu beißen und warum passiert ihr sowas?

Dann weint sie.

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