Die Kunst der Formatierung

Grundsätzlich kann man natürlich alles zur Kunst erheben, ohne dazu wirklich berechtigt zu sein, aber in diesem Falle bin ich recht sicher, dass es eine Kunst gibt. Die Textformatierung kann ebenso Markenzeichen sein wie ein bestimmter Pinselstrich oder eine charakteristische Eigenheit. Manche Autoren beherrschen das Formatieren gut, andere … nicht so.

Im kürzlich von mir rezensierten Die Chronik des Eisernen Druiden werden die keltischen Gottheiten zur besseren Orientierung in Kapitälchen dargestellt (eine Maßnahme, die meiner Meinung nach nicht konsequent durchgehalten ist). Das ist, sagen wir, Form A der Formatierung – sie dient dem rein Praktischen. Darunter fallen kursive Gedankengänge und schreiende Großbuchstaben. So gesehen bestünde Form B im Ausdrucksvollen, hier tun sich fürderhin zwei Wege auf, die von Form A beeinflusst werden.

Form B1 ist gekennzeichnet durch das fast völlige Fehlen von spezifischer Formatierung. Manche Autoren beschränken sich auf das Minimum an Form A, Tolkien zum Beispiel (bzw. sein Sohn als Herausgeber); im Herrn der Ringe (Merken Sie? Hier dient die Kursivschreibung der Verdeutlichung der Tatsache, dass es sich um einen Buchtitel handelt.) werden fast ausschließlich Liedtexte anders formatiert als der übrige Text; andere Autoren nutzen sie gleich gar nicht (Ja, gibt’s, aber mir fällt grad ums *** kein Beispiel ein!).

Die Kunst besteht hier darin, jeglichen Ausdruck rein über die Bedeutung des geschriebenen Wortes hervorzubringen.

Der andere Weg, Form B2, nutzt Formatierung als spezielles Mittel, bestimmte Aussagen ins richtige Licht zu rücken oder eine gewisse emotionale Reaktion hervorzurufen. Ein für mich gerade aktuelles Beispiel ist (wieder einmal, ich weiß) Stephen King, der zum Beispiel sowas gern macht: »Er trug einen Beutel bei sich, auf dem I LOVE NEW YORK! stand.«

Wer sich nun an Form B1 hält, wird kaum etwas falsch machen können, auch wenn ich persönlich das völlige Fehlen vor Formatierung als Mittel zum Ausdruck etwas skeptisch betrachte. Form B2 bietet jedoch – leider, leider – viel Fläche für Kritik, denn hier gilt es das genau richtige Maß zu finden.

Ein Klassiker für Form B2 ist ohne Zweifel Michael Endes Die Unendliche Geschichte, in der es zweifarbigen Text gibt, je nachdem, in welcher Welt sich die Handlung gerade abspielt. Ende baut in sein Buch auch ein paar Abbildungen ein, hält sich ansonsten aber zurück. Keine Spielereien, die Farbe ist Hingucker genug.

King hat typische Formatierungen, wie zum Beispiel der Aufdruck auf dem Beutel vorhin. Er wird damit gegebenenfalls auch spielen, in dem er folgendes macht: »Mr. I LOVE NEW YORK! drehte sich mit grimmiger Miene um«. Diese Form des Ausdrucks ist ebenso individuell ausgearbeitet wie Endes Farbgebung.

Gängiger ist die Verwendung von Kursiv, um Lautstärke anzudeuten, eine Fremdsprache oder eine Betonung hervorzuheben. Aber gerade hier gibt dementsprechend auch das größte Risiko, Mist zu bauen, indem man es übertreibt. Ich misstraue einem Text, der sich etwa so GESTALTET – da kann ich nicht mehr richtig nachvollziehen, wozu die Formatierung eigentlich dient. (Oder betonen Sie diesen Satz an genau den Stellen, die ich kursiv, groß oder fett – noch dazu alles durcheinander! – markiert habe?)

In genormten Manuskripten soll man auf derartige Verzierungen gänzlich verzichten, mit der Begründung, der Text an sich müsse die Aussage allein tragen können. Dem stimme ich grundsätzlich zu, dennoch halte ich Formatierung für ein wichtiges Ausdrucksmittel. Gedankengänge kursiv dazustellen ermöglicht es einem manchmal, auf umständliche Formulierungen verzichten zu können. Gleiches gilt für die bestimmte Betonung eines Satzes, die zu beschreiben oft wesentlich langatmiger ist.

Ganz davon abgesehen überträgt Form B2 einen eigenen Charme. Ich erinnere mich mit großer Begeisterung an Endes farbigen Text (in rot-grün bitte). Das Türschild HOLIDAY INN bedeutet für mir mehr Detailverliebtheit als das Schild Holiday Inn (vor allem, wenn Sie sich den Schriftzug noch in einer anderen Schriftart vorstellen, was mir WordPress hier nicht so richtig ermöglicht).

Ach, und übrigens: ein großer Verfechter von Form B2 ist auch Walter Moers, der bei mir einen Freifahrtsschein in Sachen Übertreibung erhält. Was dieser Mann aus Büchern rausholen kann, allein mit seiner Art zu Formatieren, ist bemerkenswert!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s