Das IKEA-Phänomen

Letzte Woche kamen meine neuen Möbel an: zwei Billy-Regale, eine Kommode, ein TV-Tischchen. Alles platzsparend verpackt und mit genug Anleitungen versehen, um eine eigene IKEA-Bibliothek zu eröffnen (mit Ausleihexemplaren). Dazu ganz viel Pappe und ein bisschen Plastikfolie, Schrauben, Schrauben, Schrauben und der Geruch nach frischem Holz.

Um Rainald Grebe zu zitieren: »Respekt verdienen Leute, die bei IKEA einkaufen, ohne dass es nachher nach IKEA aussieht!«* In der heute-Show wird aufgedeckt, wie IKEA Steuern hinterzieht**. Im Internet kursieren Bilder, die IKEA als Hot-Dog-Stand mit Vorhalle voller Möbel bezeichnen (Sie mögen mir verzeihen, dass ich hier keine genauere Quelle als Mein Kopf angeben kann). Das wundervolle schwedische Möbelhaus scheint seinen Glanz langsam einzubüßen.

Wenn Sie jetzt einen Aufsatz zum Thema Das Verhalten des Deutschen beim Möbelkauf erwarten, muss ich passen. Ich habe in meinem Leben schon ein bisschen was selber gekauft, aber darüber hinaus erstrecken sich meine Erfahrungen auf das Probesitzen im neuen Sessel einer Freundin (er war sau-gemütlich!). Stattdessen möchte ich Möbel gern mit Büchern vergleichen.

Obwohl IKEA also oft so ›niedergemacht‹ wird (als ob die das juckt …), kenne ich immer noch genug Leute, die da einkaufen. Das gute alte Billy mag ein bisschen aus der Mode gekommen sein, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Jaaa, es soll möglichst nicht so aussehen wie im Prospekt. Jaaa, das hält alles nicht ewig, soll es ja aber auch nicht. Jaaa, IKEA ist eigentlich nur ein Hot-Dog-Stand mit Vorhalle voller Möbel, aber ich kauf da trotzdem ein.

Der langen, komplizierten Rede kurzer Sinn: Nur weil es nicht so der Wahnsinn ist, wie man vielleicht lange geglaubt hat, muss es ja noch lange nicht schlecht sein. Und selbst wenn!

So geht es meiner bescheidenen Ansicht nach auch mit manchen Geschichten. Mir zumindest. Jaaa, eigentlich mag ich Harry Potter nicht (was hauptsächlich am Namen und am Gesicht liegt), aber deswegen kann ich es mir ja trotzdem ins (IKEA-) Regal stellen. Okay, Twilight ist out, aber ich verstecke die Bücher deswegen trotzdem nicht im Keller. Naja, das Buch von Autorin YZX ist definitiv zu kitschig, zu liebesbelastet, zu schleeeeecht, aber ich hab es geschenkt bekommen, also behalte ich es.

Verstehen Sie?

Das ist das IKEA-Phänomen. Ist vielleicht nicht die beste Qualität. Sieht vielleicht nicht so aus, wie ich mir das wünsche. Ist out, uncool, doof. Aber es ist eben, was es ist, und deswegen behalte ich es. Billy hat Charme, Harry Potter hat Charme, Twilight wird eines Tages vielleicht meine Kinder begeistern. (Okay. Nein. Wird es nicht.)

Manche Bücher begeistern nicht mit ihrer Schreibweise. Der Autor kann noch so sehr Aushängeschild sein, ich werde ZZY trotzdem vorziehen. Das Cover ist hässlich, aber hey, die Hauptfigur trägt meinen Namen. In Cornelia Funkes Tintenherz beschreibt Meggie, das sie sich beim Öffnen eines Buches immer an die Orte erinnert, an denen sie es gelesen hat. Stephen King sagt, Bücher sind einzigartige, tragbare Magie.

Und um noch ein letztes Sprichwort einzubauen: Einem geschenkten Gaul schenkt man nicht ins Maul. Und wenn er noch so hässlich ist.

*Rainald Grebe, Reich mir mal den Rettich rüber. Album: Volksmusik. 2007

** heute-show vom 08.04.2016, http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/760014#/beitrag/video/2712930/Iiii-KEA?

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2 Antworten auf “Das IKEA-Phänomen”

  1. Einspruch euer Ehren!

    Ich würde das IKEA- nie mit dem Bücher-Phänomen vergleichen.
    Ich würde es eher mit dem Klima-Phänomen, dem Plastik-Phänomen oder dem Artensterben-Phänomen vergleichen.

    Was? Der Klimawandel geht voran? Okay, ist schlecht. Aber hey! Autofahren ist soo viel gemütlicher als Radfahren!
    Wir verbrauchen zu viele Ressourcen? Ja, ist schon blöd. Aber das dreimal eingeschweiste Obst lässt sich doch viel besser transportieren!
    Es sterben immer mehr Arten aus? Ist vielleicht auch nicht so geil. Aber schau mal, wie schön diese seltene Blume in meiner Vase aussieht!

    Was ich damit sagen will: Bücher, die man eigentlich nicht mag, in den eigenen Schrank zu stellen, schadet doch niemandem (außer einem selbst vielleicht durch entsstehenden Platzmangel) aber Essourcenverbrauch, Zerstörung des Einzelhandels und Steuerbetrug sind Probleme, die auf einen jeden zurückfallen. Da sollte ein jeder den eigenen Egoismus und die eigene Faulheit überdenken.

    Grüße 🙂

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