Wie Penelope Fips kennenlernte

Sie lag mit einem ihrer Lieblingsbücher im Bett, als Fips das erste Mal auftauchte. Draußen vor dem Fenster fiel feiner Nieselregen, die Wolken verdeckten den Mond. Nur ihre kleine Nachttischlampe strahlte tapfer auf die Seiten. Ihre große Schwester hörte im Zimmer nebenan Musik, ihre Eltern saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schauten den Tatort. Zum Abendessen hatte es Pizza gegeben und ihr Bauch war wohlig voll.

Gerade hatte sie die Stelle erreicht, an der die Heldin der Geschichte endlich ihren Vater aus dem Gefängnis befreite. Penelopes Herz schlug schneller, sie umklammerte das Buch fester. Just in diesem Moment klopfte Fips an die Fensterscheibe und flüsterte: »So mutig könntest du nie sein!« Und schon war er wieder verschwunden, ehe Penelope ihn noch richtig bemerkt hatte. Sie las weiter in ihrem Buch, als sei nichts geschehen.

0131 penelope&fips 001Ein paar Tage später schrieb sie einen Aufsatz für die Schule, als jemand von hinten eine kalte Schnauze an ihren Nacken legte und wisperte: »Ach komm, wofür machst du dir die Arbeit eigentlich? Du willst ja keine Lehrerin oder so werden. Was interessieren dich Goethe und Schiller? Ach ja, was willst du eigentlich überhaupt mit deinem Leben anfangen?« Sie dachte nicht weiter darüber nach, ließ den Aufsatz aber liegen und widmete sich ihrem Kater, der zusammengerollt auf dem Bett schlief. Erst zwei Tage später, kurz vor Abgabetermin, schrieb sie die letzten paar Absätze, ohne von Fips belästigt zu werden.

Die Vorfälle häuften sich, langsam, aber stetig. Sie half ihrer Mutter beim Kuchen backen und Fips fragte, warum sie das nicht schon längst alleine könne, so wie Lisbeth aus ihrer Klasse, die manchmal Muffins mit in die Schule brachte. Sie las eine Liebesgeschichte und Fips fragte, wann wohl ihr eigener Märchenprinz erscheinen wolle. Sie saß im Bus und irgendwo hinter ihr kicherten ein paar Mädchen und Fips kam und erklärte, diese Mädchen lachen über dich.

Etwa ein halbes Jahr später lag sie im Bett, dachte über das Einschlafen nach und hörte ein Kratzen unter dem Bett. Penelope war nicht feige, sie streckte den Kopf vor und schaute unter den Lattenrost. Dort hockte Fips und grinste.

»Sag mal«, fragte er leise, »hast du gesehen, wie deine Deutschlehrerin dich heute angelächelt hat? Ich glaube, du wirst die nächste Klausur nicht bestehen.«

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