Ich, die Figur

Wohl dem, der sich selbst Erleichterung durch Schreiben verschaffen kann. Prominente Beispiele beweisen, dass ein guter Kontakt zu Feder und Papier zuweilen die teure Psychoanalyse ersetzt. Denken Sie an Hemingway, King, Lovecraft. Oder Tolkien, der in Mittelerde sein Kriegstrauma zu verwinden versuchte.

Jeder Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen. Was wir neu erschaffen, ist in Wahrheit ein Zerrbild dessen, was wir gesehen, gehört, gerochen – erlebt haben. Autoren mögen ihre Schöpfungen noch so sehr verabscheuen oder lieben, sie werden darin dennoch ein Stück ihres Selbst finden. So läuft das, wenn man Gott spielen möchte.

(Heißt es nicht auch, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen?)

Ich habe in den allermeisten Fällen eine starke Bindung zu meinen Charakteren. Deswegen schreibe ich nicht aus der Sicht eines fünfundsiebzigjährigen Kriegsveteranen – in mir ist nicht genug, diese Figur mit Leben zu erfüllen, ihr den entscheidenden Hauch eigener Erfahrung mitzugeben. Stattdessen halte ich mich an die Jugendlichen, die Anfang-Zwanzig-Jährigen, die sich mit Liebe, Tod, Ehre und Hass beschäftigen, Themen, mit denen ich mich identifizieren kann.

Absolute Kontrolle ist ein Irrglauben. Oft entdecke ich zwischen den Zeilen Bilder, mit denen ich nicht gerechnet habe, die ich nicht wissentlich entworfen habe. Da stehen dann untergründige Charaktereigenschaften, Ansichten, moralische Werte. Bestimmt sagen meine Texte viele Dinge über mich, deren Preisgabe mir nicht bewusst ist – gut so! Das Unbewusste bahnt neue Wege. Wenn man davon ausgeht, dass ich nichts wirklich neu erschaffen kann, ermöglichen mir die unbewussten Charaktereigenschaften, Ansichten, Wertvorstellungen etc. ungeplante und dadurch umso spannendere Handlungsweisen.

Die Möglichkeiten bieten aber auch das Risiko, schablonenhafte Figuren am Fließband zu schaffen. Ich, die Figur, muss mich auch immer wieder bewusst von eigenen Ansichten lösen, damit die Sache nicht langweilig wird.

So, und jetzt ist das Thema endlich auch mal genug gestreckt. Nachdem ich vier Tage gebraucht habe, um einen Schluss zu finden, mache ich es mir jetzt einfach:

Ende.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s