Das Leben der anderen

… ist immer spannend. Zu erfahren, wie andere Menschen die Welt sehen, das Leben gestalten, ihren Weg gehen, birgt vielerlei Anregungen, Konfliktpotential und faszinierende Augenblicke. Unmöglich, in den fremden Kopf hineinzusehen, umso interessanter, seine Handlungen und Reaktionen nach zu verfolgen. Nichts anderes tut der Roman, wenn er die mögliche Sichtweise einer Realität aufzeigt (und sie dadurch ad absurdum zu einer Nicht-Realität macht, eine solche nämlich, die ich als Leser nicht zu empfinden in der Lage bin).

Der ein oder andere von Ihnen wird sich schon einmal gefragt haben, was im Kopf eines anderen vorgeht. Warum derjenige dieses oder jenes tut. Wie kann man Nutella ohne Butter essen? Warum putzen sich manche Leute vor dem Essen die Zähne? Was denkt meine Frau, wenn ich zehn Minuten später als in den letzten dreizehn Jahren üblich von der Arbeit nach Hause komme?

Wir mögen weltfremd und egoistisch sein, gänzlich immun gegen das Leben der anderen sind wir wohl nie.

Ich habe mich in den letzten Tagen mit den Leben anderer Menschen beschäftigt (damit meine ich, dass ich es intensiver als sonst getan habe). Es ist faszinierend, wo sich an ungeahnten Stellen Ähnlichkeiten ergeben können, wohingegen man an anderen überrascht ist. Fremden Empfindungen nachzuspüren ist eine der Hauptaufgaben eines Schriftstellers, und er kann sich nie genug darin üben.

Auf dieser Welt gibt es viele Dinge, die wir nicht oder nur schwer begreifen können. Ein Sehender wird sich die Antwort auf die Frage Wie sieht es denn aus, das Nichts? stets schuldig bleiben müssen, ebenso wie der von Geburt an Blinde keine (allgemein übliche) Vorstellung von Farbe entwickeln kann. Aber beide können voneinander eine bestimmte Sicht- und Empfindungsweise lernen.

Das Beispiel vom Sehenden und vom Blinden ist sehr gängig. Wahrscheinlich haben Sie es in dieser oder ähnlicher Form schon einmal gehört. Die moderne Gesellschaft hat sich dem Leben der anderen, der »Minderheit« Blinder und Sehbehinderter gewidmet und Lösungen für zwischenmenschliche Probleme angeboten (ob es sich dabei wirklich um eine Minderheit per Definition handelt, sei dahingestellt, aber Sie wissen, was ich meine). Deswegen hat der Fußweg neben der Straßenbahn weiße Orientierungsriffelstreifen.

Wir als Gesellschaft haben hierzulande gelernt, die körperlich Beeinträchtigten zu verstehen, auf ihre stellenweise besonderen, weil eben sehbehinderten, Bedürfnisse einzugehen. Das war ganz gewiss kein leichter Schritt. Ähnlich schwer tun wir uns mit dem Leben der psychisch Beeinträchtigten, womit wir da sind, wo ich die ganze Zeit über mit Ihnen hinwollte.

Natürlich gibt es im Internet massenhaft Literatur zu den Themen Depression, Angst, Essstörung, Schizophrenie & Co., aber meiner bescheidenen Meinung nach gibt es besonders viele Erklärungsversuche zum erstgenannten Problem Depression. Das Monster in dir, der Affe auf der Schulter, die Große Traurigkeit, der Dämon deiner Seele. Viele Menschen öffnen sich, berichten bereitwillig von ihren Empfindungen und lassen die anderen am eigenen Leben teilhaben. Die Sichtweisen sind unterschiedlich und doch sehr gleich – und trotzdem gibt es immer noch jede Menge Aufklärungsbedarf. Weil die Krankheit nicht von selbst weggeht, weil sie viel Mut und Entschlossenheit und Kraft fordert, und weil sie nichts mit Zusammenreißen zu tun hat.

Ich möchte meinen Beitrag leisten. Nicht mehr, nicht weniger: nur ein Beitrag zum Leben der anderen. Der Beruf des Elektrikers lässt sich nicht ausüben, wenn man nur weiß, dass er etwas mit Kabeln und Strom und bestimmten Werkzeugen zu tun hat, warum sollte ein Nicht-Betroffener eine Depression also anhand ihrer Klassifizierung als Krankheit und ein paar Monstern verstehen können?

Vielleicht ist das ein schlechtes Beispiel. Vielleicht traue ich den Menschen zu wenig zu, oder ich überinterpretiere die Relevanz der Depression. Vielleicht ist eben jenes vielleicht aber auch nur das erste Puzzlestück, das Sie, lieber Leser, nun in die linke obere Ecke des Bildes stecken können, das da heißen soll: Das Leben Der Anderen.

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