Im Rausch der Sinne (SEX II)

Kennen Sie das Penis-Spiel? Wenn nicht: Dabei geht es nur darum, dass Wort »Penis« immer ein bisschen lauter auszusprechen als der oder die Gegner, möglichst in der Öffentlichkeit. Wer zuerst aufgibt – anders gesagt, wem es zuerst peinlich wird – hat verloren.

Ich möchte mich jetzt nicht über die Frage auslassen, warum einem ein Penis eigentlich peinlich sein sollte. Vielmehr denke ich darüber nach, wie das denn nun in der Literatur ist (nachdem Stefan Friedrich sich mit dem realen Leben beschäftigt hat): gilt Sex hier als ein Tabu? Hat die Literatur überhaupt Tabus? Braucht sie sowas?

Nun, mir fallen eine Menge Autoren ein, die bei Sexszenen gekonnt ausblenden, á la »Und dann versanken sie gemeinsam in einem Rausch der Sinne«. Und wenn der Erzähler sich doch weiter vorwagt, dann oft in metaphorischer, blumiger Ausdrucksweise. (Der Vollständigkeit halber: es gibt auch ausführliche Szenen, manche davon abgedroschen, manche davon sehr sinnlich und einfühlsam.) Dabei ist der Verzicht einer ausführlichen Darstellung meist eine Art Zensur, ein der Phantasie überlassenes Schauspiel.

Man kann also nicht direkt von einem Tabu sprechen, würde ich meinen, denn der Wunsch des Erzählers (nicht des Autors!) nach Privatsphäre ist ja durchaus nachvollziehbar. Andererseits – das offene Aussprechen »Und dann hatten wir Sex« scheint auch irgendwie ein Problem zu sein. Bei älterer Literatur liegt dem wahrscheinlich eine gesellschaftliche Etikette zugrunde, aber heute sollte man sich doch für das Aussprechen einer Alltäglichkeit nicht mehr schämen müssen.

Hm. Wie Sie vielleicht schon gemerkt haben – ich denke, während ich schreibe.

Also noch mal: in »historischen« Romanen ist es sinnvoll, Sexszenen generell etwas einzuschränken, so es die damalige Gesellschaft voraussetzt. Ein Edgar Wallace wird in seinen Krimis keinen Beischlaf zu behandeln haben, denn die bei ihm häufig vorkommenden Liebespaare sind noch nicht verheiratet und es widerspricht ihrer Moral, außerehelichen Sex zu haben.

In der heutigen Literatur (sagen wir, die letzten zehn, zwanzig Jahre) sieht das anders aus, denn heute ist die christliche Keuschheit etwas »altmodisches«. Homosexualität in der Literatur ist meiner Meinung nach zwar eher selten, kommt aber vor, ohne dass sich ein Autor dafür rechtfertigen müsste. Sex als solcher kommt durchaus vor – aber eben oft in sprachlicher Verhüllung, mit taktischem Abblenden. Mit derart geklärten Gedanken muss ich gestehen: Ja, es gibt ein Tabu. Über Sex schreibt man nicht, außer in Liebesromanen. Eine wilde Sexszene gehört nicht in den spannenden Krimi, wenn sie nicht der Handlung förderlich ist.

Hm.

Naja.

Aber Sex gehört doch dazu, oder nicht? Wenn ich aus dem Leben meiner Hauptfigur berichte, warum soll ich ihr Sexualleben da verschweigen? Warum soll sich die Figur nicht am späten Abend Pornos anschauen und dabei von einem wichtigen Telefonat unterbrochen werden?

Und das ist nur der Blick auf erwachsene Charaktere. Wie würde die Öffentlichkeit auf einen Roman reagieren, in der die Lust eines Kinderschänders als für ihn positiv dargestellt wird, wo der Missbrauch aus Sicht des Erwachsenen beschrieben wird, mit all seinen glückseligen Emotionen dabei? (An dieser Stelle verweise ich auf eine Stelle in Ein schlechter Traum: »Die Alternative ist, selbst über die eigenen Wünsche nachzudenken, und auf Basis eigener Überlegung zu entscheiden, ob eventuelle negative Folgen, die ein Wunsch haben könnte, ausreichend schlimm sind, um von der Erfüllung des Wunsches abzulassen.«)

Die Literatur ist ein Spiegel der Realität, sie greift mögliche Wahrheiten auf, spielt mit dem Was-wäre-wenn. Als solches kann Literatur Verantwortung haben, indem sie beispielweise die negativen Folgen eines Wunsches offenlegt. Das geht aber nur, wenn sie sich über Tabus hinwegsetzt und die Dinge anspricht, die bewegen, die es wert sind, darüber nachzudenken. Das bedeutet wiederum nicht, dass es falsch oder schlecht sein muss, die Dinge der Phantasie zu überlassen.

Hach, es ist ein furchtbar unbefriedigendes Thema, aber ich bin froh, dass wir mal darüber gesprochen haben. Mir geht noch mehr im Kopf herum und vielleicht lasse ich Sie noch daran teilhaben (so ich es in Worte fassen kann), aber fürs erste ist es genug.

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3 Antworten auf “Im Rausch der Sinne (SEX II)”

  1. Jetzt kann ich doch nicht stillhalten.

    Ein unbefriedigendes Thema, warum? Ich mag den Satz, den Naemi zitiert hat, auch. Es kann ungemein anziehend wirken, wenn Literatur so frei ist, das Leben so zu zeigen wie es ist, und sich gar nicht mal die Mühe macht, sich dafür zu schämen oder es irgendwie in die Höhe zu heben – wie es die Werbung und mancher Kitsch gerne tun. Nicht jede Geschichte muss so „natürlich“ sein, aber in der Öffentlichkeit könnten solche Darstellungen etwas häufiger auftreten, meine ich.

    Es tut sich vieles an Möglichkeiten auf, sobald man damit anfängt, Tabus auf die Rückbank zu setzen, und sich beim Schreiben der Notwendigkeit zu verpflichtet, anstatt der Etikette. Wenn sich erweist, dass es nicht notwendig ist, explizit zu werden, dann bleibt es ja dem Geschmack des Erzählers überlassen. Liegen in der Darstellung des Tabubruchs jedoch wesentliche Momente der Erzählung, dann wäre Verschleierung eine vertane Chance, eigentlich ein vertanes Buch.

    Wichtig ist die Zielsetzung und Sorgfalt bei der Wahl der Mittel.

    Als solches kann Literatur Verantwortung haben, indem sie beispielweise die negativen Folgen eines Wunsches offenlegt.
    Es klingt so, als ob Literatur sich die Behandlung des Tabus „verdienen“ muss, indem sie moralisch klar Stellung bezieht. Das sehe ich anders, aber du hast recht, in den meisten Fällen würde es genau darauf hinauslaufen. Zum Pädophilen: ein doppelter Tabubruch würde darin liegen, diese Person nicht monströs darzustellen, sondern menschlich.

    in »historischen« Romanen ist es sinnvoll, Sexszenen generell etwas einzuschränken, so es die damalige Gesellschaft voraussetzt.
    Das hängt doch von der Erzählperspektive ab, oder? Mit einem modernen Blick auf die damalige Zeit kann man da anders rangehen. Kennst du die Romanverfilmung „Barry Lindon“? Die sexuellen Szenen sind mit großer Sorgfalt erstellt worden, aber irgendwie nicht so intim wie der Moment, als die Dame von Adel, frisch betrogen, relativ plump in ihrer Badewanne liegt. Das ist sehr modern. (zugegeben, einer meiner Lieblingsfilme, hier ein paar Auszüge, mit Musikempfehlung!)

    Es kommt darauf an, was du für Ziele setzt.

    Wenn man streng aus tabubelasteter Sicht erzählt, ja, dann existieren Tabubrüche nur im Raum zwischen den Zeilen. Das kann auch sehr witzig sein, als Leser dahinterzusteigen.

    Wenn das Ziel sein sollte, das Publikum zu schockieren, dann ist ein Reigen von Sex und Gewalt nicht so gut dafür geeignet, wie es ein präzise gesetzter Moment sein kann, der alle Erwartungen unterwandert – sowas kann mich als Leser/Zuschauer jahrelang beschäftigen, während hirnlose Exzesse eher zum Amüsement oder Ekel beitragen.

    Es gibt aber auch den produktiven Ekel, wie in A Clockwork Orange, einer Verfilmung vom selben Regisseur, wo Sex und Gewalt unerträglich parodistisch gezeigt werden, untermalt von Beethoven. Großartig, verstörend, sinnlich, ernüchternd.

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  2. Am Anfang des Textes war ich etwas skeptisch. Ich finde, dass es durchaus grade die Kunst sein kann, etwas nicht zu erzählen und der Phantasie des Lesers zu überlassen. Schriftsteller, die z.B. Gewaltszenen bis aufs letzte Detail genau darstellen, halte ich für weniger gut und ärgere mich dann sehr darüber wie sehr sie ihr Gemetzel feiern- und über den Lektor, der das zulässt. Mein Anspruch an Literatur ist also eher der, den Geist des Lesers so sehr zu beflügeln, wie es das geschriebene Wort niemals könnte. Das gilt natürlich nicht nur für Gewalt, sondern auch für die Leidenschaft.

    Mit dem Satz „Warum soll sich die Figur nicht am späten Abend Pornos anschauen und dabei von einem wichtigen Telefonat unterbrochen werden?“ Hast du mich aber gekriegt.

    Die letzten vier Absätze fand ich total spannend und richtig, mir ist bisher keine Literatur (oder nicht viel) dazu untergekommen – höchstens mal im Krimi, wo die Rollenbesetzung vorher ja schon ganz klar ist.
    Beim Film fällt mir da -erstaunlicherweise – irgendwie eher was ein.

    Ps. Hast du „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ gelesen? Da gibts recht viel sexuelle Thematik.

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    1. Du hast nicht unrecht: das geschriebene Wort sollte manchmal die Phantasie anregen und damit mehr aussagen können. Das möchte ich nicht bestreiten. Aber mir ging es eben um die Tabuisierung der durchaus wichtigen »anderen Seiten der Medaille«. Was ich damit nur sagen will: in Bezug auf das, was du »ihr Gemetzel feiern« nennst, hast du ganz genauso recht.

      Nein, das Buch sagt mir nichts. Aber vielleicht läuft es mir irgendwann über den Weg und dann werde ich an dich denken 🙂

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