Gastbeitrag – Ein schlechter Traum (SEX I)

Wenn ich versuche, jemandem zu erklären, was in Rachmaninoffs Klavierkonzert no. 1 passiert, fühle ich mich wie jemand, der einen sexuellen Vorgang beschreibt.

Nun, daran ist nichts Schlimmes. Rachmaninoff hatte Sehnsüchte wie jeder andere auch, und dass er unglaubliche Energie und Konzentration darauf verwendet hat, sexuelle Erregung (und Erlösung) zu vertonen, unterscheidet ihn nicht von den meisten anderen romantischen Dichtern.

Es ging nicht ums Heilige, ums Unerreichbare, ums Allbefreiende. Das war vor allem eine Chiffre für Sex. Sex ist nicht heilig, Sex ist erreichbar, Sex befreit kurz. Doch so wenig schockierend das ist, so unnötig ist es auch. Warum diese Verdrehung ins absurd Überhöhte? So würden doch Menschen fühlen, die keinen Sex erhalten, die ständig am Ausleben ihrer Sexualität gehindert werden. Ja, mit so einem Umstand erhält diese ganze Dichtung und Musik erst ihren passenden Hintergrund!

Was hinderte die Genies am Sex? Nun, dasselbe, was alle Leute hindert: die kulturellen Normen, die Menschen um jeden Preis aufrecht erhalten. Sie wähnen sich sicherer darin, sich gegenseitig vor Sex zu „beschützen“, indem sie ihn weitestmöglich tabuisieren.

Jedoch ohne ihn jemals ganz aufzugeben. Denn Sex findet statt. Aber wie kommt es dazu? Ist es ein leichter, natürlicher Prozess? Oder geht ihm ein ganzer Apparat an Vorbedingungen und Einhaltung diverser Vorgehensweisen und Regeln voraus? Momentan: Letzteres. Erwartbar verknüpft mit Kurzschlussaktion und einem Reichtum an seltsamen Neigungen, was für eine derart verflixt verkrampfte Angelegenheit plausibel ist.

Wir sind alle Japaner.

In der japanischen Popkultur, v. a. in Manga (Comics) und Anime (Trickfilmen), finden wir äußerst aufschlussreiche Tropen. Es mag daran liegen, dass Japaner einander noch stärker hemmen, als es durchschnittlich üblich ist. Also handeln romantisch oder sexuell aufgeladene Szenen (aber letztlich und auch damit zusammenhängend sogar einfachste Kommunikationsversuche) von der Unmöglichkeit, „es“ (nicht nur Sex) einfach wahr werden zu lassen. Die Charaktere geben in der Fiktion zu erkennen, was Japaner eben nicht aussprechen, nämlich: was sie wollen, und dass es verboten ist. Andauernd. Von der gewöhnlichen Begegnung bis zur Pornoszene, überall dasselbe Schema. Das Hauptthema der Literatur ist das Unausgesprochene. An solchen Kulturstereotypen erkennen wir, wie jämmerlich und elend das fremdregulierte Leben ist. Niemand, der ständig Tabus herbetet, wird das erhalten, was er möchte. Muss andauernd Abschied nehmen. Hat eigentlich nur ein Abziehbild von Leben. Er kann sich, was er einmal wollte, nur noch in der Fiktion aufkonsumieren. Dort ist es erlaubt – aber wiederum nur unter absurder Herunterbetung der Tabus, gegen die gerade verstoßen wird.

Ein Wunsch ist nichts Großes. Er kommt, und man erfüllt ihn sich. Es gibt hier nichts zu verzweifeln.

Eine andere Trope ist der „magische Kern“ im weiblichen (jugendlichen) Körper, eine überaus mächtige und gefährliche Energiequelle, die entfesselt Städte verwüstet. In Wahrheit meint das wohl ganz einfach die mit der Pubertät erwachende Lust. Ihre extreme Überhöhung verweist uns noch einmal in japanischer Überdeutlichkeit auf die überall in der Welt anzutreffende Ansicht, dass die sexuelle Begierde der Frauen versteckt werden müsste. Was für eine Frechheit! (Evtl. sind Männer wegen widersprüchlicher Tabus noch stärker beeinträchtigt.)

Tabus sind der menschlichen Natur unwürdig.

Woher kommt das starke Tabu bei der öffentlichen Behandlung von allem, was mit Sex zu tun hat? Neben historischen Gründen (es ist, weil es war) und logischen (Verbote werden mit Gewalt durchgesetzt), hat der Autor Stanislaw Lem als einen eher selten beachteten Faktor die menschliche Bauweise genannt: Weil Genitalien und Fäkalorgane so dicht beieinander liegen (ja, kombiniert sind!), und weil Fäkalien mit Abscheu beladen sind (wieder ein unnötiges Tabu, dass dem gesunden Umgang mit Urin, Kot und Ernährung im Weg steht). Wären hingegen die Sexualorgane z. B. im Gesicht oder am Hals, und würde die Befruchtung anders, z. B. auf dem Weg eines stolzen Wettlaufs stattfinden (nur als Beispiel) – also eine andere «Konfiguration» des Menschen, heller bei Tage – dann wäre vermutlich die Herangehensweise an Sex, und die Lust daran, völlig anders ausgefallen – Sex dürfte ohne besondere Fixierung einfach Sex sein, als Reizthema ungeeignet, ohne das Kriminelle des Verbotenen, eben etwas Normal-Schönes.

Haben wir uns verbessert? Sind wir umgänglicher geworden, weniger inquisitorisch? Vielleicht ein bisschen. Doch ein kurzer Blick nach Japan zeigt, wie private Zügellosigkeit und gleichzeitig absurd bekräftigtes Tabu problemlos parallel existieren können. Bei gleichzeitigem Fortschreiten des ungelebten Lebens. Ach, wir sind alle Japaner.

Tabu – diesen Frustrationsanstauungsapparat halte ich für eine sehr gefährliche Sache, der wir alle unser Veto aussprechen sollten.

Lasst uns nicht so bequem sein! Tabus täuschen uns darüber hinweg, dass wir letztlich selbst nachdenken müssen. Der Versuch, Erklärungen einzusparen, und stattdessen einfach Verbote auszusprechen, ist ein Versagen der Erziehung – so wie Gewalt ein Versagen der Diplomatie ist, eine Einsparung an Angeboten. Diese Bequemlichkeit hat einen unglaublich hohen Preis, denn sie kostet unsere Freiheit, unseren Frieden, unser Lebensglück. Wir berauben uns des Lebens, das wir uns wünschen, indem wir uns sagen lassen, es dürfe nicht sein. Viele spüren, dass das die Wahrheit ist, aber aus Sorge um die eigene Integration in die Gesellschaft denken die wenigsten ausreichend darüber nach, um es beherzt zu ändern. Zum Glück sind ein paar Menschen offenbar weniger empfänglich für Tabus.

Lasst uns sämtliche Tabus ignorieren! Sie existieren nicht mehr! Ach was, sie haben noch nie existiert! Es war nur ein schlechter Traum!

Die Alternative ist, selbst über die eigenen Wünsche nachzudenken, und auf Basis eigener Überlegung zu entscheiden, ob eventuelle negative Folgen, die ein Wunsch haben könnte, ausreichend schlimm sind, um von der Erfüllung des Wunsches abzulassen. Eine solche Entscheidung ist das Gegenteil von Unterdrückung, und führt zum natürlichen Abklingen solcher Wünsche, die dann keine mehr sind. Also gibt es in der nicht-vernunftfaulen Welt keine unerfüllten Wünsche, denn etwas vernunftmäßig als Schlecht Erkanntes muss sein Dasein als Wunsch(idee) beenden. Wenn überhaupt, könnte es nur noch als Wahn- und Zwangsgebilde weiterexistieren, wenn pathologische Umstände eine Rolle spielen. Davon spreche ich hier aber nicht. Ich spreche hier nur über gesunde Wünsche, und Sex gehört dazu.

Ich werde jetzt nicht aufzählen, was nicht dazu gehört, denn ES GIBT KEINE TABUS! Denke selbst nach!

***

© by Stefan Friedrich

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