Am Anfang

Außer anderen öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die aus mancherlei Gründen klüglicherweise nicht genannt werden soll und der ich keinen Namen andichten will, gibt es eines, das ehedem in den meisten Städten, ob groß oder klein, anzutreffen war: das Armenhaus, und in diesem Armenhaus wurde zu einem Zeitpunkt, den ich nicht zu erwähnen brauche, da er für den Leser zumindest in diesem Stadium der Geschichte unmöglich von Bedeutung sein kann, jener Gegenstand der Sterblichkeit geboren, dessen Name in der Überschrift dieses Kapitels enthalten ist.

Charles Dickens: Oliver Twist, Rütten & Loening Berlin 1970

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.

Stephen King: Schwarz, Wilhelm Heyne Verlag München 2003

Nicht umsonst lautet eine alte Schriftsteller-Weisheit, der erste Satz wäre einer der schwersten, denn unabhängig vom Genre oder der Absicht des Buches ist eben jener erste Satz nur zu oft maßgeblich an der Entscheidung für oder gegen ein Werk beteiligt. Der Theorie nach wird hier Spannung aufgebaut, Neugierde geweckt, der Leser gefesselt.

Wenn dem tatsächlich so ist, dann habe ich es mir heute einfach gemacht, denn am Anfang dieses Textes steht ein Zitat von einem der Männer, die für ihre Schachtelsätze durchaus berühmt sind. Haben Sie sich gefragt, worauf ich hinauswill? Oder hat Ihnen die Tatsache, dass das hier nicht in der Kategorie Rezensionen erscheint, bereits die ganze Neugierde geraubt?

Der Grund dafür, warum ich die Relevanz der Wirkung des ersten Satzes nur bedingt einschätzen kann, liegt in meiner Eigenart, Bücher oft in der Mitte aufzuschlagen und dort einen Absatz zu lesen, anhand dessen ich meine Entscheidung Gut oder Böse treffe. Wenn Cover, Titel und Klappentext mich so weit gebracht haben, ist das Buch unter Umständen sogar so gut wie gekauft.

Trotzdem: der erste Satz ist einer der wichtigsten. Meiner bescheidenen Meinung zufolge vermittelt er einen ersten Eindruck, eine Stimmung, eine Magie, die durch keinen Klappentext und keinen Titel hervorgerufen werden kann. Der erste Satz hat (im günstigsten Falle) die Umstände auf seiner Seite: ein gemütlicher Sitzplatz, Ruhe und Neugierde auf die Welt zwischen den Buchdeckeln.

So ist es nicht verwunderlich, dass ein erster Satz ernsthaft durchdacht und gut überlegt sein will, auf dass er gut werde. So entsteht das Phänomen, einen nachdenklichen Schriftsteller vor einem leeren Blatt Papier sitzen zu sehen – er kann noch so viele tolle Dialoge und etliche Landschaftsbeschreibungen im Kopf haben, zuallererst kommt der erste Satz. Also, zumindest ist das bei mir so. (Genaugenommen beginnen meine Manuskripte fast immer mit dem Titel – ich kann nicht schreiben, wenn ich keinen vernünftigen Titel habe, weil ich mich sonst nicht auf Du & Du mit meiner Geschichte fühle. Nur in Ausnahmefällen habe ich auf Arbeitstitel zurückgegriffen.)

Was macht einen guten Satz aus? Er sollte aus Subjekt, Prädikat und Objekt bestehen, okay. Er kann sehr lang – siehe Dickens – oder eher kurz sein – siehe King –, aber auf alle Fälle glänzt er mit Prägnanz. Im Falle des Oliver Twist werden wir mit Karacho hineingeworfen in die schelmische Erzählweise des Autors, auch wenn der Kern der Aussage eigentlich nur ist: Oliver Twist wird in einem Armenhaus geboren. Im Gegensatz dazu hat King (vielleicht ohne es zu wollen) bereits im ersten Satz alles gesagt, was es zu wissen gibt: Mann in Schwarz, Flucht, Wüste, Revolvermann, Verfolgung. Bumms, Handlung perfekt zusammengefasst.

Der erste Satz kann sterbenslangweilig, und trotzdem wunderbar sein, oder tierisch neugierig machen und dabei schlicht und scheinbar ereignislos sein. Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis beginnt mit dem Wort: »Blut.« Das Phantom von Susan Kay beginnt mit dem Satz (und den brauche ich nicht mal nachzuschlagen, weil ich ihn auswendig weiß): »Es war eine Steißgeburt.« Meine erste Reaktion auf diesen Satz war die an meinen Vater gerichtete Frage, was zum Teufel eine Steißgeburt ist.

So oder so: Es gibt in einem Buch nur einen Satz, der nahezu ebenso wichtig ist wie der erste, nämlich – Sie ahnen es – der letzte. (Manchmal auch die letzten beiden.) Einen Abschluss zu finden, der im Gedächtnis bleibt, der einen würdigen Nachklang zaubert, ist eine ganz eigene Kunst, die beileibe nicht jedem Autor gelingt. Mir würden etliche unspektakuläre Beispiele einfallen, aber ich möchte mit zweien schließen, die ich für wunderbar gelungen halte.

Der Kuckuck, weißt du …

Der Kuckuck ist ein schöner Vogel.

Susan Kay: Das Phantom, Fischer Taschenbuch Verlag 2006

Und der Schnee, der im Winter aufs Dach fiel, fiel leise, leise und deckte das Haus zu, den Lehnstuhl, die Bücher, die Kinderstimmen, deckte Anna und Abel zu, deckte die Parallelwelt zu, und alles war endlich sehr, sehr still.

Antonia Michaelis: Der Märchenerzähler, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2011

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2 Antworten auf “Am Anfang”

  1. Hallo, Queen,
    interessante Beispiele. Du beginnst mit Amerikanern, und endest mit Deutschen, hat das eine tiefere Bedeutung? Unternehmerische Amis, einschlafende Deutsche ^^

    Ich habe „Oliver Twist“ nicht gelesen, und nach diesem Satz ist meine Lust darauf nur halb: Ja, er hat seinen Reiz, weil Humor und Ernst hier verwoben sind – aber wenn man den Humor nicht teilt, dann ist so ein Satz eher eine Ausladung. Man erfährt ja gar nichts darin, außer dass es einen Titel, eine Stadt, und ein Armenhaus gibt. Naja. Und gut so! Denn es ist nicht die Aufgabe des Autors, es jedem recht zu machen. Wer also die Manieren des ersten Satzes nicht mag, dem steht es frei zu gehen, und der findet ein anderes Buch.

    Das zweite Beispiel wirkt auf mich zeitlos, jedes Wort ist unentbehrlich. Auf kürzeste Weise etabliert er zwei Charaktere und mit diesen auch das Genre. Außerdem ist es eine Zusammenfassung, die am Anfang steht: Der Autor hat entschieden, dass dies zunächst ausreichen muss, doch kehrt er später immer wieder mit Rückgriffen auf diese Situation zurück.

    Wie du schlage ich bei neuen Büchern auch mittendrin eine Seite auf, eben weil ich weiß, dass die Autoren sich auf der ersten Seite besonders ins Zeug legen! Also greife ich mir irgendeine andere Situation und wenn sich herausstellt, dass dort nicht mehr viel Energie liegt, lege ich das Buch zurück.
    Trotzdem gilt der erste Satz als sehr wichtig. ‚Wenn ein Werk eine Einheit sein soll, dann muss sich das ganze Werk auf seinen Anbeginn zurückführen lassen.‘ So klingt für mich das klassische, sehr elitäre Verständnis vom ersten Satz. Das hat Dickens mit seinem, immer noch sehr auffälligen, Einstieg aufs Korn genommen. Man könnte auch ganz cool bleiben und mit einem Satz beginnen, der, in der Mitte der Seite angeordnet, nicht auffallen würde.

    Genügt es nicht, einen Satz zu schreiben, der zur Art des Texts passt?

    „ich kann nicht schreiben, wenn ich keinen vernünftigen Titel habe, weil ich mich sonst nicht auf Du & Du mit meiner Geschichte fühle“
    Das war bei mir auch so, sehe ich aber inzwischen anders, denn ich finde, man darf sich von sowas nicht zu sehr aufhalten lassen. Es gibt so viele Möglichkeiten dafür, und eventuell opfert man viel Zeit, wo Gelassenheit vielleicht mehr gebracht hätte. Schreiben sollte Freude machen, und dann ist es besser, dort mit dem Schreiben anzufangen, wo man sich wohl fühlt und sich nicht verstellen oder überanstrengen muss. Sich Titel und Überschriften jeder Art auszudenken, ist eine nützliche Übung – doch zuallererst existiert der Titel dafür, um dem Schreibprojekt einen konkreten Rahmen zu geben, und auch, damit es nicht ausufert – da reicht ein Arbeitstitel.

    Der Titel, mit dem das Buch den Markt betritt, kann vom Arbeitstitel abweichen, wenn dieser für jenen nicht attraktiv genug ist. Oft zeigt sich aber auch, dass Titel gar nicht so wichtig sind – es gibt zwar herausragende, sich selbst verkaufende wie „Herr der Fliegen“, aber für den Konsumenten genügt ein griffiger, der passt, und nicht stört. „Harry Potter“ ist eigentlich die Abwesenheit eines Titels. Nur der Name, dem man noch gefühlte 20.000x begegnen wird. „Colins Tagebuch“ ist nicht kreativ, aber praktisch. Charakter und Form.

    Der Einstiegspunkt des Autors muss nicht der Einstiegspunkt des Lesers sein. Ich würde also sagen: Anfangen, egal wo. Doch ohne Titel und den ersten Satz kann man die Geschichte nicht *beenden*.

    Viel Freude beim Schreiben!

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    1. Hallo sf,

      (auch wenn ich deinen Namen natürlich kenne, belasse ich es beim von dir genutzten Kürzel.)

      Nein, tatsächlich hat die Nationalität der Autoren keine Bedeutung, zumal Kay meines Wissens Engländerin ist.

      Ich verstehe deine Argumentation bezlg. des ersten Satzes, und grundsätzlich hast du vielleicht sogar Recht – genügt es nicht, einen Satz zu schreiben, der zum Rest passt? JA, das tut es. Natürlich. Denn jeder Satz soll angeblich ja genau durchdacht sein, tausendmal gelesen und überarbeitet. Eine völlig übertriebene Anforderung, wie ich finde, denn zu viel Perfektionismus muss jeder Geschichte die Seele nehmen.
      Aber der Anfang war für mich immer etwas besonders Magisches. Ich brauche einen ruhigen Ort, wenn ich ein Buch beginne, wo ich mich fallen lassen kann in das neue Abenteuer. Daher mag meine … »Euphorie« kommen und besser kann ich es nicht erklären.

      Was du zum Titel gesagt hast, stimmt mich nachdenklich. Vielleicht befindet sich meine Meinung hier sogar schon im Umsturz. Aktuell arbeite ich an zwei Projekten, wobei das eine, ein Pen&Paper, gar keinen Titel hat, und das andere nach der Person benannt ist, der ich die Geschichte widme. Kann sein, dass das der Moment ist, in dem ich es schaffe, mich vom Titel zu lösen.

      Auch dir weiterhin viel Freude am Schreiben – denn darum geht es am Ende immer, oder zumindest sollte das so sein dürfen.

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