Colins Tagebuch – 19 – Böser Junge

19 – Böser Junge

Samstag, 09. Mai 2015

Ehe wir auch nur ein paar Meter weit gekommen waren, hörten wir hinter uns noch einmal die Haustür klappen. Jemand ging mit Hackenschuhen schnellen Schrittes über den Bürgersteig. Wir drehten uns zu Vera Goldbeck um, die sich immer wieder nervös über die Schulter sah, als fürchtete sie, beobachtet zu werden.

»Wartet mal einen Augenblick«, sagte sie überflüssigerweise, denn wir standen ja bereits. »Es wird nicht lange dauern.« Sie streckte die Hand aus, als wolle sie Colin am Arm packen, ließ es dann aber doch bleiben. Ihr Make-up war in den Augenwinkeln verschmiert. »Sagt mal, mögt ihr Kay?«

Wir waren überrascht.

»Ja, klar«, meinte ich lässig, und Colin nickte dazu.

»Das freut mich«, sagte sie. »Ehrlich. Ich hatte solche Angst, er würde keinen Anschluss finden. Oder sich wieder mit den falschen Leuten abgeben. Aber ihr sehr mir ganz vernünftig aus.« Das war ein etwas zweifelhaftes Kompliment, eine von Veras Spezialitäten.

»Wie meinen Sie das?«, wollte Colin wissen. Er sah ehrlich interessiert aus, während ich am liebsten so schnell wie möglich das Weite gesucht hätte. Diese aufgetakelte Frau mit der verschmierten Wimperntusche war meinem fünfzehnjährigen Ich nicht geheuer.

»Kay ist ein schwieriger Umgang, müsst ihr wissen. Als Heinrich und ich ihn zu uns geholt haben, wussten wir nichts von seinen Problemen. Das Heim, in dem er gewesen war, hat uns nichts davon gesagt.« Diesen Satz mit einem leichten Vorwurf. »Deswegen war es mir so wichtig, dass er geregelte Verhältnisse kennenlernt … Familien, in denen die Eltern noch arbeiten gehen, die Kinder normale, einfache Hobbys verfolgen, solche Sachen.«

»Was hatte er denn für Probleme?«

»Ach, wo soll ich da anfangen! Sicher ist es ihm auch gar nicht recht, wenn ich euch das erzähle.«

»Wir petzen nicht«, meinte Colin. Typisch.

Vera Goldbeck war jedoch nicht überzeugt. Um Colin zu helfen, mischte ich mich ein: »Vielleicht ist es gut, zu wissen, worauf wir achten können.«

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich Vera im Verdacht habe (bis heute), nur zu diesem Zweck auf die Straße gekommen zu sein: um uns alles über die Probleme mit ihrem Adoptivsohn zu berichten. Nach meinem eigentlich nicht besonders starken Argument kippte sie um wie eine Tomatenpflanze im Sturm.

»Er hatte den falschen Umgang!«, brach es aus ihr heraus. »Diese Leute haben ihn verdorben, haben ihn zur Kriminalität angestiftet, haben ihn beschmutzt!« Sie holte tief Luft. »Dabei fing alles so gut an. Er blühte auf, lernte fleißig, las Unmengen von Büchen. Aber am Ende mussten wir ihn auf der Polizeistation abholen. Auf der Polizei!« Ihr Blick machte deutlich, dass an dieser Stelle ein empörtes Geräusch angemessen war. »Seine Zukunft haben sie zu ruinieren versucht, seine Zukunft als Arzt. All diese widerlichen Typen mit ihren verfilzten Haaren. Raucher, Säufer, frauenschlagende Feiglinge. Er hat sich regelmäßig mit ihnen getroffen, anstatt zur Schule zu gehen. Sie haben ihn in Kaufhäuser geschickt, damit er für sie Alkohol stehlen konnte.« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. »Ständig war er in Prügeleien verwickelt. Es war ein furchtbares Leben!«

Wir wussten nicht, was wir darauf erwidern sollten. Mir ging durch den Kopf, dass Kay ganz sicher nicht gewollt hatte, dass seine Mutter all das ausplauderte.

»Aber diese Zeiten sind vorbei. Ihr werdet sicher einen positiven Einfluss auf ihn haben, und seine Noten werden sich auch wieder bessern, nicht wahr?«

»Ja, Vera«, antworteten wir geflissentlich.

»Ich muss jetzt gehen. Sagt ihm nicht, dass ich mit euch gesprochen habe.« Sie winkte zum Abschied. Ihre Schuhe klackerten auf dem Gehweg, dann knallte sie schwungvoll die Haustür.

***

»Was hältst du davon?«, fragte mich Colin.

»Weiß nicht genau. Wahrscheinlich hat sie übertrieben. Oder er war in einer Trotzphase.«

Colin wiegte den Kopf hin und her. »Wer weiß. Dem würde ich alles zutrauen. Wahrscheinlich hat er sich in der Zeit auch die Haare bleichen lassen.« Er nahm sich ein Stück Kuchen. Aus dem Wohnzimmer plärrte der Fernseher eine Werbung.

»Hoffentlich laden die uns nicht noch mal ein«, sagte ich. »Das war grauenvoll.«

»Ich fand es ganz nett«, meinte Colin geistesabwesend. »Möchtest du noch einen Kaffee?«

Diesem Angebot konnte ich nicht widerstehen.

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