Colins Tagebuch – 18 – Ein denkwürdiges Mittagessen

Teil Zwei

18 – Ein denkwürdiges Mittagessen

Samstag, 09. Mai 2015

Vera Goldbeck servierte uns ein Drei-Gänge-Menü, bestehend aus Champignon-Creme-Suppe, Schweinebraten mit Kartoffeln und Rotkohl und einer Eis-Panacotta-Kreation auf Himbeeren. Dazu gab es Cola für die Kinder, Weißwein für die Erwachsenen. Neben unseren Tellern lagen weiße Papier-Servietten.

Wir kamen uns unglaublich fehl am Platze vor.

Überhaupt waren wir auf ausdrücklichen Wunsch von Kays Mutter zum Mittagessen erschienen. Sie legte Wert darauf, die Freunde ihres Sohnes kennenzulernen, wie sie uns mitteilte. Es sei ein rein neugieriges Interesse. Während sie Suppe auf die Teller schöpfte, blinzelte uns Heinrich Goldbeck – Kays Vater – verschwörerisch zu. Kay selbst rollte amüsiert mit den Augen. Wir vermieden es, eine wertende Antwort zu geben, und brummten nur ein nichtssagendes »Ah hm.«

Während des ersten Ganges herrschte betretenes Schweigen. Erst nach zwei Gläsern Weißwein wagte Vera – wie wir sie nennen sollten – es, zu persönlichen Fragen überzugehen.

»Was machen denn eure Eltern?«

»Mein Vater arbeitet im Landwirtschaftlichen Betrieb hier in der Stadt«, antwortete Colin. »Und meine Mutter ist Krankenschwester.«

»Ah so. Da ist sie sicher viel unterwegs. Hast du Geschwister?«

»Nein. Ich komm auch allein zurecht. Noah ist ja auch noch da.«

»Und Kay«, warf Heinrich Goldbeck belustigt ein.

»Und du, Noah? Hast du Geschwister?«

»Nein, Frau … äh … Vera. Mein Vater ist Automechaniker und meine Mutter kellnert.« Ich hoffte, ihre Neugierde damit befriedigt zu haben und verkroch mich hinter meinem Cola-Glas. Der Schweinebraten schmeckte ausgezeichnet.

»Kay hat erzählt, dass es in der Stadt auch einige Raufbolde gibt. Gehört ihr auch dazu?«

Kay stöhnte und schlug die Hand vor die Augen. »Oh, Mama! So was fragt man doch nicht!«

Colin lachte pflichtbewusst. »Nein, wir prügeln uns nicht so gerne. Wir ziehen meistens den Kürzeren.«

»Ah so. Nun, dann ist mein Sohn ja in guten Verhältnissen. Wo liegen denn eure Interessen? Ihr lest wohl gern, hm?«

»Durchaus«, erwiderte ich. »Im Sommer kann man hier in der Nähe in einem Bach baden.« Keine Ahnung, warum ich ihr das erzählte.

»Kay ist Nichtschwimmer«, meldete sich Heinrich Goldbeck.

Sein Sohn schüttelte den Kopf. »Das sagt man auch nicht.«

»Und wie sind eure schulischen Leistungen?«

»Äh …« Wir sahen uns an. Dann versicherten wir, sie wären in Ordnung.

»Wisst ihr, Kay hat auch immer ganz gute Noten gehabt, aber nach dem Umzug befürchte ich, dass er nicht mithalten kann … Ihr wäret nicht zufällig bereit, ihm im Zweifel unter die Arme zu greifen? Für seine Zukunft als Arzt sind gute Noten das A und O.«

»Der Junge will doch gar nicht …«, setzte Heinrich an.

»Ich will doch gar …«, begann auch Kay.

»Vor allem Biologie und Deutsch sind wichtig«, fuhr Vera fort, ohne ihre beiden Männer zu beachten. »Und Rechtswesen, falls sowas bei euch am Gymnasium gelehrt wird. Kay hat eine große Zukunft vor sich, müsst ihr wissen. Schließlich möchte er seine alten Eltern unterstützten können, wenn sie mal nicht mehr so können.«

Wir nickten pflichtbewusst, mittlerweile völlig eingeschüchtert. Kay legte seiner Mutter die Hand auf den Arm. »Das reicht jetzt, Mama. Du wirst noch die einzigen Freunde vergraulen, die ich hier finden kann.«

An dieses Kompliment kann ich mich noch ganz genau erinnern. Er sagte es mit fester Überzeugung, als habe er bereits jeden einzigen Altersgenossen der näheren Umgebung kennengelernt. Colin wurde rot, auch das weiß ich noch. Er stopfte hastig ein Stück Kartoffel in den Mund, verschluckte sich daran und kippte Cola hinterher. Vera Goldbeck streckte nervös eine Hand aus. »Ist alles in Ordnung?«

»Klar«, meinte Kay, ehe Colin eine irgendwie geartete Antwort geben konnte. »Er hat sich bloß verschluckt. Gleich geht’s wieder.«

Und tatsächlich hustete Colin nur noch zweimal und beruhigte sich dann.

»Gut Ding will Weile haben«, ließ sich Heinrich vernehmen.

Vera räumte die Suppenteller ab und brachte den Nachtisch. Wir verzehrten ihn schweigend. Die Stimmung war ins Unangenehme gekippt. Mir fiel auf, dass Kay kein Eis aß. Vera tupfte sich den Mund mit der Serviette sauber und wirkte dabei distanziert und kühl. Heinrich Goldbeck beobachtete verstohlen die Runde. Mir lief ein Schauer über den Rücken, den ich nicht erklären konnte.

Ich war sehr froh, als wir aufstanden. Kay brachte uns zur Tür. »Ihr dürft meiner Mutter die Fragerei nicht übel nehmen«, sagte er. Mit der linken Hand ergriff er beiläufig einen Schlüsselbund, der auf der Kommode lag, und spielte damit. Seine Rechte steckte in der Hosentasche.

»Schon gut«, antwortete ich.

»Kein Problem«, sagte Colin.

Wir zogen unsere Schuhe und Jacken an. Aus der Küche rief Vera: »Kay, hast du den Kellerschlüssel gesehen? Er steckt nicht in der Tür.«

Er drehte sich halb in ihre Richtung. »Er hängt an deinen Autoschlüsseln. Ich bringe ihn dir gleich.« Sein Lächeln wirkte aufgesetzt. »Macht‘s gut. Wir sehen uns Montag in der Schule.«

Wir nickten, verabschiedeten uns und gingen. Auf der Straße fiel ein Gewicht von meinen Schultern.

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