Colins Tagebuch – Zwischenspiel

Zwischenspiel

Ich strecke die Arme in die Luft und gebe ein Ächzen und Stöhnen von mir, wie es alt gewordenen Männern vorbehalten ist. Pepsi hebt den Kopf, um mich mit seinen grün funkelnden Augen anzusehen, fast als wolle er sagen: Warum schläfst du nicht, wenn du so müde bist, wie es jedes intelligente Wesen tut?

Ich streichle seinen Dickkopf und antworte: »Weil ich das hier fertig machen muss, weißt du. Sonst habe ich keine ruhige Minute mehr. Da mag mein Rücken noch so knacken, zuerst erzähle ich meine Geschichte, so lang es auch dauert.«

Er kneift wohlwollende die Augen zusammen. Natürlich ist es auf irgendeine Art albern, mit einem Kater zu sprechen, aber wenn man alleine wohnt, fängt man automatisch damit an. Man sehnt sich nach Gesellschaft, denke ich. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass sein Miauen manchmal im genau richtigen Moment kommt, wie eine Antwort. Oder der Blick seiner klugen Augen, die mich beinahe davon abbringen, weiterzuschreiben.

Ich schweife schon wieder ab.

An jenem Dienstag machten wir unsere zweite Bekanntschaft mit Kay, der sich mit einem y schreibt. Wir saßen lange auf dem natürlichen Sofa, plauderten über Nebensächlichkeiten und versuchten, einander nicht verbal auf den Schlips zu treten (was er wesentlich besser hinbekam). In meiner Erinnerung ist dieser Nachmittag am Flüsschen deutlicher als alles andere. Ich sehe das bedrohliche Funkeln seiner Augen, seine weißen Haare, sein schmales, aufrichtiges Lächeln.

Nun stecke ich gedanklich in einer Sackgasse. Ich weiß nicht, wie ich weitermachen soll. Wollen Sie hören, wie wir Kay am nächsten Tag in der Schule trafen, voller Stolz, weil er mit uns sprach, obwohl es einem Imageschaden gleichkam? Wollen Sie lesen, wie wir am Nachmittag erneut zu dem Flüsschen gingen, jeder mit einem dicken Buch ausgerüstet, und nebeneinander auf dem natürlichen Sofa saßen, schweigend und genießend? Interessiert Sie das wirklich?

Das Leben eines Menschen wirkt so aufregend, wenn er mittendrin steckt, aber in der Rückblende ist es weit unspektakulärer. Wir erlebten keine Abenteuer am laufenden Band – vieles, was ich zu berichten habe, ist banal.

Colin begann sein Tagebuch am 15. Juni, denn es waren ein paar merkwürdige Dinge passiert. Merkwürdig für einen Teenager, der in einem Dorf festsaß, das sich hochtrabend als Stadt bezeichnete.

Lassen Sie mich eine Pause einlegen. Ich werde Pepsi etwas zu Fressen geben, vielleicht ein Bad nehmen, Gott einen lieben Mann sein lassen und in zwei, drei Stunden an diesen Schreibtisch zurückkehren. Dann schreibe ich über den Samstag, an dem wir Kays Eltern kennenlernten (im Falle seiner Mutter: richtig kennenlernten). Bis dahin –

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2 Antworten auf “Colins Tagebuch – Zwischenspiel”

  1. Huhu,
    nachdem ich es endlich geschafft habe, alle Folgen zu lesen, habe ich mich wirklich auf eine Fortsetzung gefreut. Und dann das!
    Da hatte wohl jemand heute nicht so viel Lust zu weiterzuschreiben, was?
    Aber schön zu wissen, dass Kay in der Schule nun mit den beiden Jungs spricht. Es hätte ja auch anders sein können 😉

    Ich warte gespannt auf nächste Woche. Mach weiter 🙂

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    1. Da braucht sie Wochen, um überhaupt mal zu lesen, und dann nörgelt sie herum! Ich darf doch sehr bitten – mit Lust hatte das nichts zu tun 😀
      In der Tat bin ich durchaus ein Liebhaber solcher „Zwischenspiele“. Irgendwie war es an der Zeit. Das es eher kurz geraten ist, liegt vielleicht auch daran, dass jedes Kapitel ja eine erste Version darstellt. Wenn ich nach Vollendung des letzten Kapitels die komplette Geschichte überarbeite, fällt dieses Zwischenspiel vielleicht länger aus.
      Den wichtigsten Job hat es aber anscheinend auch so erfüllt – es macht dich neugierig auf mehr 🙂

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