Colins Tagebuch – 17 – Das natürliche Sofa

17 – Das natürliche Sofa

Dienstag, 05. Mai 2015

Hinter dem Bolzplatz, in Richtung des Friedhofs, führte ein kaum sichtbarer Trampelpfad durch den sich eng anschließenden Wald. Wir folgten ihm eine Weile, brachen dann aber ins Unterholz ein. Colin überließ mir die Führung und ich brachte uns sicher zu einem für uns namenlosen Flüsschen, an dessen Ufer ein knorriger alter Baum – ich glaube, es handelte sich um eine Trauerweide – mit seinen aus dem Erdreich hervorstechenden Wurzeln eine Art natürliches Sofa bot. Ich hätte diesen Ort mit verbundenen Augen gefunden, so oft saßen wir hier, meistens lesend.

»Nettes Plätzchen«, kommentierte Kay anerkennend. »Mir scheint, hierher folgen euch dieses hirnlosen Typen eher selten.«

Colin machte eine einladende Geste und wir nahmen nebeneinander Platz, Kay in der Mitte. Mit dem Rücken gegen den rauen Stamm gelehnt hatten wir einen fabelhaften Blick auf das glucksende Flüsschen, auf dem sich die Sonne spiegelte.

»Na, dann legt mal los«, sagte Kay ohne Umschweife. »Gibt’s in diesem Nest irgendetwas, worüber es sich zu reden lohnt?«

Ich warf Colin einen Blick zu. Sollten wir Kay vom Domlau Kurier erzählen? Vermutlich war das eine ziemlich dämliche Idee, aber sie erschien mir in dem Moment so logisch, dass ich es beinahe getan hätte.

Colin kam mir zuvor. »Wir haben hier einen der größten landwirtschaftlichen Betriebe der Umgebung«, sagte er stolz. »Der schafft eine gute Menge Arbeitsplätze. Außerdem ist hier mal alter Adel ansässig gewesen. Es gibt immerhin eine Kirche und eine eigene gottverdammte Bibliothek!« Er grinste. »Ganz schön mächtig für ein Dorf, hm?«

Kay sah ihn an und schien nachzudenken. Dann erlaubte er sich ein Lächeln. »Okay, ich nehme das mit dem Dorf zurück. Ihr dürft euch meinetwegen Stadt nennen – und trotzdem ist es ein recht trostloses Nest. Meine Mutter sagt, sie wolle vielleicht anfangen zu malen

»Wenn du die Künstler-Ecke suchst, musst du noch ein bisschen weiter nach Westen fahren, vielleicht eine halbe Stunde. Da findest du wirklich naturverbundene Dörfer«, warf ich ein. »Hier lässt es sich eigentlich aushalten. Nur Plattnase stört ein wenig.«

»Wie heißt er richtig?«, wandte sich Kay mir zu.

»Jerry Müller«, erwiderte Colin. »Er wohnt mit seiner Mutter im Plattenbau in der Neuen Straße, seit sein Vater einfach verschwunden ist. Er zieht Idioten an wie ein Magnet die Nadeln, aber die drei vorhin bilden seine eigentliche Clique.«

»Alle aus der Platte?«

Colin schüttelte den Kopf. »Normen Kuligowskis Mutter ist Krankenschwester. Man sollte eigentlich meinen, dass er es besser wüsste, aber er verprügelt trotzdem unheimlich gern andere Leute.«

Unser weißhaariger Freund wog abschätzend den Kopf. »Wen kennt ihr sonst noch?«

Wir überlegten, dann zählte ich an den Fingern auf: »Die Krupp von nebenan, Pfarrer Dorsch, den ollen Harry aus der Bibliothek, Messerschmidt, Harry Handwerker, Tante Uta vom Kindergarten und natürlich Bürgermeister Müller …«

»Ist er verwandt?«, wollte Kay wissen.

»`türlich nicht«, entgegnete Colin in einem Ton, der seine gespielte Verachtung für diese Frage zum Ausdruck brachte. »Dann würde der gute Jerry wohl kaum so ein ausschweifendes Leben führen. Müller ist auf seinen Leumund bedacht.«

»Soll ich weitermachen?«, fragte ich.

»Lohnt es sich?«

»Kaum.«

»Dann erspare es mir. Ist ja furchtbar, so viel Banalität auf einem Haufen.«

»Dann erzähl halt was über dich«, sagte Colin sofort. »Wo kommst du her? Und warum hast du uns heute Vormittag so komplett ignoriert?«

Kay zuckte entschuldigend mit den Schultern, eine anmutige Geste. »Ich musste die Lage sondieren, ehe ich mich festlege. Mit euch befreundet zu sein, scheint fast schon einem Imageschaden gleichzukommen.«

Autsch. Das hatte gesessen.

»Aber jetzt habe ich mich entschieden. Wer solche Orte kennt, kann kein schlechter Mensch sein.«

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er sich über uns lustig machte.

»Nehmt es mir nicht übel, wenn ich ein bisschen zu ehrlich bin, aber meine vorherigen Eltern haben mich mit genug durchsichtigen Lügen für ein ganzes Leben vollgepumpt.«

So wie er das sagte, klang es, als sei ein Leben nur eine Zeitspanne, nichts endliches. Ich wurde nicht schlau aus dem Kerl.

»Deine vorherigen …?«, fragte Colin vorsichtig, sichtlich irritiert und pikiert.

Kay lächelte nachsichtig. »Ihr hättet es ja doch herausgefunden. Vera und Heinrich sind nicht meine leiblichen Eltern. Sie haben mich vor sechs Jahren adoptiert, nachdem es mit meinen vorherigen … Probleme gegeben hatte.«

»Deswegen ist deine Mutter so alt«, rutschte es Colin heraus. Er wurde rot. »Ich wollte nicht unhöflich sein«, schob er nach.

»Wozu drum herum reden, Vera ist ja tatsächlich schon zweiundsechzig, womit sie alt für einen sechszehnjährigen Sohn ist – Punkt, aus, Basta. Ich kann damit leben, wisst ihr.«

»Was waren das für Probleme?«, mischte ich mich ein.

»Darüber reden wir lieber ein andermal«, wehrte er ab. »Mein Vater ist letztes Jahr in Frührente gegangen und wollte gern an einen Ort ziehen, wo es ruhiger ist. Er hat jetzt einen eigenen Raum, in dem er sich voll und ganz seiner Briefmarkensammlung widmen kann. Und meine Mutter gedenkt wie gesagt zu malen.«

Colin: »Wo habt ihr vorher gewohnt?«

Kay überging die Frage, als hätte er sie nicht gehört. »Die beiden haben ihre Macken, aber immerhin ziehen sie es vor, mir ehrliche Grenzen zu setzen, anstatt mich als bemitleidenswerten Waisen zu betrachten. Meine Mutter neigt dazu, mich als Aufgabe zu betrachten, aber sie kocht fantastisch, weswegen ich ihr das nachsehen kann.«

»Hast du eigentlich Judo oder so was gelernt?«, fiel mir jäh ein.

Er nickte. »Ich hatte einen persönlichen Trainer, habe aber nie an Wettkämpfen oder so was teilgenommen. Ich habe nicht mal einen offiziellen Gürtel oder so was. Es war einfach ein Hobby, das ich hier aufgeben muss. Es sei denn, Plattnase bietet sich als Übungspartner an.«

Wir lachten darüber, aber in Kays Augen funkelte etwas, das ich schon damals als unheimlich empfand.

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