Das Nutella-Ritual

Rrrrrrtsch. Der weiße Deckel dreht sich, dreht sich, dreht sich. Ein Reißen, darunter glitzert es golden. Mit dem Fingernagel vorsichtig – vorsichtig – die goldene Folie öffnen und entfernen. Darunter eine Landschaft feinsten Genusses. Der erste Messerstreich – und das Nutella ist feierlich freigegeben für die schnöde Allgemeinheit.

Nennen Sie es meinetwegen ruhig freakig oder seltsam, aber der erste Streich Nutella eines neuen Glases wird solange mir gehören, bis ich Kinder habe, denen ich dieses Privileg weitervererben kann.

Was fangen Sie nun mit dieser Information an? Sie verrät Ihnen nichts über mein Leben, und trotzdem gibt sie meiner Figur doch eine gewisse Tiefe. Rituale, typische Gesten, vertraute Sätze oder einfache, menschliche Fehler machen einen Charakter interessant. Sie heben ihn von der großen Masse ab, sorgen für Identifizierung, machen ihn zu einem eigenständigen, einzigartigen Menschen (oder den Vertreter einer anderen Spezies).

Nun, wenn Sie nur ein bisschen was vom Schreiben verstehen, habe ich Ihnen damit nichts Neues gesagt. Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass eine Figur eine gewisse Dreidimensionalität benötigt, um glaubhaft zu wirken. Lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie ich das für gewöhnlich angehe. Und weil trockene Theorie langweilig sein kann, gebe ich Ihnen rotzfrech ein Beispiel.

Zuallererst: Geschlecht, ungefähres Alter, Name. Sagen wir, männlich, Anfang 20, Theo. Eigentlich Theodor, aber da haben seine Eltern vorübergehend an Geschmacksverwirrung gelitten, seiner Meinung nach. Die Eltern, das sind Heike und Benjamin Rosenkranz. Irgendwo in der Ahnenreihe hat es wohl mal Juden gegeben, Theo gehört aber keiner Religion mehr an, ebenso wenig seine Eltern.

Zur Familie gehört auch Schwester Emma, bei der die Eltern ein etwas besseres Geschick für Namen bewiesen haben. Sie ist zwei Jahre jünger als Theo, 19, und eine etwas mollige, freundliche junge Frau. Im Moment macht sie ihr Abi, natürlich mit einem mittelmäßigen Durchschnitt, denn Emma hat die Mittelmäßigkeit gepachtet. Weswegen sie ihren letzten Freund auch wieder in den Wind geschossen hat.

Theo hat seine eigene Wohnung, er absolviert gerade ein FSJ in einem Altenheim. Übers Wochenende besucht er die anderen in dem kleinen Haus am Stadtrand. Sein Vater ist technischer Leiter in einem Krankenhaus, seine Mutter arbeitet beim jobcenter. Sie flucht immer, dass dort so viele Idioten ein und aus gehen. Manchmal findet Theo sie ziemlich arrogant.

Übrigens fehlt Theo der kleine Finger der rechten Hand. Die Erklärung findet sich in seiner Biografie: als kleines Kind wurde er von einem Hund auf der Nachbarschaft gebissen. Seitdem hat er großen Respekt vor Hunden, würde das aber nicht als Angst bezeichnen. Er will keine weiteren Finger verlieren, aber er hat den Angriff ja schließlich überlebt.

Zwischen Emma und Theo existiert eine enge Bindung, die sich oft in Form eines Geheimcodes zeigt. Anhand metaphorischer Ausdrücke können sie miteinander kommunizieren, ohne die Eltern wissen zu lassen, dass es um einen ausdrücklich verbotenen Besuch in der Mitternachtsvorstellung des Kinos geht (selbstverständlich ist das ein altes Beispiel aus der Zeit, als beide Kinder noch minderjährig waren).

Innerhalb von zehn Minuten habe ich einen ersten Eindruck von Theo. Im Moment ist er jemand, den ich zufällig auf einer langen Zugfahrt kennengelernt habe. Im Laufe der Zeit werde ich mehr über seine Biografie erfahren, seine Macken kennenlernen, seine Träume und Ängste. Dann kann ich mich der zweiten großen Frage zuwenden: Wie passt der gute Theo in die Geschichte, die ich erzählen will?

Lassen Sie mich ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung. Normalerweise habe ich zuerst die Geschichte und dann den Charakter. Aber vielleicht führe ich Theos Leben irgendwann einmal aus. Dann bekommt er sein eigenes Nutella-Ritual.

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2 Antworten auf “Das Nutella-Ritual”

  1. Ich mag deine Beschreibung von Theo und seiner Familie. Ich direkt das Gefühl, mit am Küchentisch zu sitzen. Auch wenn ich mich frage, warum die mittelmäßige Emma ihren Freund selbstverständlich in den Wind schießen musste.

    Bemerkenswert finde ich, dass du für gewöhnlich erst eine Geschichte hast und dir dann die Personen dazu ausdenkst.
    Hast du beide Varianten ausprobiert und diese als die bessere befunden?

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    1. Emma hat die Mittelmäßigkeit gepachtet – ihr Freund war daher (natürlich aus Theos und Emmas Sicht) nur mittelmäßig und sie hat ihn wieder davongejagt 🙂

      Lass mich kurz nachdenken. Tatsächlich gibt es zwei Geschichten (eine aufgeschriebene, eine im Kopf), bei der zuerst die Figur da war. Oft kommt beides gleichzeitig – wenn der Grundgedanke der Geschichte da ist, entsteht ganz automatisch auch eine Figur. Ich glaube, ich habe im Kopf sozusagen eine Figuren-Fabrik, in der ich mich dann nur noch zu bedienen brauche. Im aktuellen Fall (Fantasy) existierte zuallererst sogar nur eine Welt, zu der ich mir Story und Figuren gleichzeitig ausdenke.
      Grundsätzlich finde ich es für mich einfacher, zuerst die Geschichte zu haben. Dann kann ich den Charakter so erstellen, wie ich ihn brauche – mit entsprechenden Stärken und Schwächen. Und meine Nebenfiguren entstehen oft sowieso im Laufe der Zeit, wann immer ich eine brauche 🙂

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