Colins Tagebuch – 16 – Mit einem y

16 – Mit einem y

Dienstag, 05. Mai 2015

Er traf mich an der Schulter, während ich mich wegzudrehen versuchte. Nachdem Plattnase den Kampf eingeläutet hatte, durften seine drei schwachsinnigen Kumpels sich mit lautem Grölen einmischen. Tobias Kreuzer, einen Meter fünfundneunzig groß und hundertzwölf Kilo schwer, stürzte sich im Alleingang auf Colin, während der dicke Otto und Normen mich an den Beinen packten und zu Boden zerrten. Plattnase setzte sich rittlings auf meinen Brustkorb, grinste verwegen und schlug zu, zuerst mit den flachen Händen (»Das klatscht schön, nicht wahr, Arche Noah?«) und sicher auch gar zu bald mit den Fäusten.

Colin neben mir lieferte sich ein Gefecht mit Tobias dem Schlachtschiff, bei dem klar war, dass er den Kürzeren ziehen würde.

Gerade als meine Augen anfangen wollten überzulaufen (ich hatte Sand abbekommen, wissen Sie), erklang von irgendwo hinter mir eine seltsam gelassene Stimme: »Wenn ihr den Fußball eh gerade nicht gebrauchen könnt, würde ich mir den mal ausleihen.«

Plattnase hielt inne und sah auf, merklich irritiert. Er war es vermutlich nicht gewöhnt, bei seiner Lieblingsbeschäftigung unterbrochen zu werden. »Was willst du denn?«, brachte er hervor.

Ich verengte mir den Hals, konnte aber nicht sehen, wer hinter mir stand. Die Stimme kam mir bekannt vor.

»Euren Fußball. Ich könnte ein paar Tore schießen, während ihr damit beschäftigt seid, vier gegen zwei zu kämpfen wie hirnlose Feiglinge.«

Plattnases Gesicht färbte sich rot. Otto ließ meinen Knöchel los und richtete sich auf. Er schwang die Fäuste wie der dickste Boxer der Welt. »Komm her, du Arschgeige, dann zeig ich dir, wer hier hirnlos ist!«

Aber Plattnase hielt ihn zurück, indem er aufstand. Ich atmete unwillkürlich tief ein, als sein Gewicht von meinem Brustkorb verschwand. »Du bist neu hier«, stellte Plattnase fest. »Wahrscheinlich aus dem versifften Loch an der Straße drüben, hm? Du scheinst dir ja ganz schön was einzubilden. Wie wäre es, wenn du mein nächstes Opfer wirst? Die beiden Kojoten hier laufen uns nicht davon, und ich habe genug Zeit. Na, was sagst du?«

Unser unbekannter Helfer sagte nichts. Plattnase verschwand aus meinem Sichtfeld. Mit einem Ruck zog ich mein Bein aus Normens nachlässiger Umklammerung. Er kümmerte sich nicht darum.

»Wie ich es mir dachte! Große Klappe, aber wenn`s ernst wird, kneifst du den Schwanz ein!«

»Zeig`s ihm, Plattnase!«, grölte Otto begeistert.

»Halt dein dummes Maul, Thor!«, antwortete Plattnase. Ich habe keine Ahnung, wie der dicke Otto zu diesem Spitznamen gekommen ist, aber ich fand ihn damals merkwürdig erheiternd und begann zu kichern. Sofort erinnerte sich Normen an mich und versetzte mir einen Schlag in die Weichteile.

»Was gibt`s denn da zu feixen, Kojote?!«, knurrte er halbherzig.

Ich war zu beschäftigt damit, mich im Dreck zu suhlen, um zu antworten.

»Noah!«, flüsterte Colin neben mir. Tobias hatte ihn losgelassen, wohl um seinem Chef zu Hilfe zu eilen, und mein bester Freund deutete in Richtung der Streitenden. Ich schluckte den Schmerz herunter und wandte den Kopf gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Plattnase mit gesenktem Kopf auf einen Jungen mit weißen Haaren losging.

Kay wich nicht aus. Er packte Plattnase einfach an den Oberarmen und warf ihn irgendwie über sich drüber, dass der größere Junge mit einem Ächzen im Dreck landete. Es war eine unspektakuläre Handlung, trotzdem rissen wir alle die Augen auf. Plattnase sprang wieder auf die Füße. »Was sollte das denn, du Arschloch? Nennst du das fair?«, brüllte er. Kay schüttelte nachsichtig den Kopf, wie eine Mutter, die ein brüllendes Kind zu beruhigen versucht. Mit einem schnellen Schritt war er bei seinem Gegner, verdrehte ihm einen Arm auf den Rücken und ließ sie beide vornüber fallen. Plattnase schrie vor Überraschung und Schmerz.

»Wie wäre es, wenn du deine Bande nimmst, und dich vom Acker machst, hm?«, fragte Kay ruhig.

Torben, Normen und Otto sahen nicht aus, als wollten sie sich mit dem neuen Jungen anlegen, auch wenn sie in der Überzahl waren. Plattnase stieß Luft durch die Nase, fluchte etwas Unverständliches und ruckte und zerrte mit dem verdrehten rechten Arm. Aber Kay war viel stärker.

»Schon gut!«, rief Plattnase endlich. »Ich hab`s kapiert, Grufti!«

Kay sprang auf und trat ein paar Schritte zurück. Jerry ›Plattnase‹ Müller stand auf, klopfte sich den Staub von der Hose und grinste. »Kein schlechter Move, Kumpel. Wie heißt du?«

»Kay. Mit einem y.«

»Ah, cool. Du hast nicht zufällig Bock auf eine Runde …«

»Verschwinde«, sagte Kay ganz ruhig.

Die vier Jungs warfen sich unsichere Blicke zu. Dann entschieden sie, das Problem zu vertragen, und trollten sich. Otto drehte sich auf dem Weg zu Straße noch einmal um: »Das nächste Mal machen wir euch fertig, Kojoten!«

***

Er reichte erst Colin und dann mir die Hand, um uns aufzuhelfen. Ich klopfte mir Dreck von der Jeans und wischte Blut von meiner aufgeplatzten Unterlippe. Colin hatte eine Beule an der Stirn und einen zerkratzten Unterarm. »Dieser Tobias sollte sich mal wieder die Fingernägel schneiden«, kommentierte er mit einem verunglückten Lächeln.

»Seid ihr in Ordnung?«, wollte Kay wissen.

Ehe ich antworten konnte, fuhr Colin mir gewissermaßen über den Mund. »Klar. Wie bist du gerade jetzt hierhergekommen?«

Kay steckte die Hände in die Hosentaschen. Er trug sein Haar offen und es fiel weich über sein rotes T-Shirt. »Meine Mutter hat mich aus dem Haus gescheucht. Sie wollte, dass ich auf dem Bolzplatz Freunde kennenlerne.«

»Da bist du genau richtig gekommen«, freute sich Colin. »Ohne dich hätten wir Prügel kassiert.« Er sagte das ohne jede Scham. »Dürfen wir dich zum Dank auf eine Zigarette einladen?«

»Ihr raucht doch gar nicht«, stellte Kay amüsiert fest. »Aber wir könnten uns einen ruhigeren Ort suchen und ihr erzählt mir ein bisschen was über dieses Dorf, das sich als Stadt tarnt.«

Dem stimmten wir mit großer Begeisterung zu.

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