Colins Tagebuch – 15 – Der Bolzplatz

15 – Der Bolzplatz

Dienstag, 05. Mai 2015

Mein Vater war Zeit seines Lebens altmodisch; ein Mann, der seine kaputten Möbel stets selbst reparierte und sich leidenschaftlich gern über die steigenden Milchpreise aufregte. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir kurz vor seinem Tode führten. Es ging um Särge. Er war der Ansicht, ein Plastiksack würde vollauf genügen, bestand aber gleichzeitig darauf, in echter Eiche zur Ruhe gebettet zu werden, denn so war es nun einmal Tradition.

Im Zuge seiner bewährten Erfahrungen hatte er Colin und mich dazu angehalten, die stadteigene Bibliothek für die Recherche zu einem Geschichtereferat zu nutzen. Im Nachhinein betrachtet fällt mir auf, dass er damit den Anstoß zu regelmäßigen Besuchen in dieser Institution gab, was bei einem Fünfzehnjährigen wohl bemerkenswert ist.

Am Dienstagnachmittag klarte der Himmel auf und die Temperaturen kletterten auf vierzehn oder fünfzehn Grad, womit wir die Gelegenheit gekommen sahen, die beinahe überfälligen Bücher zum Thema Adolf Hitler zurückzubringen. Je einen kleinen Stapel unter dem Arm trotteten wir los.

Um diese Uhrzeit waren eine Menge Jungen und Mädchen unterwegs, um die Stunden bis zum Abendessen möglichst sinnfrei zu nutzen. Mit unseren Büchern mussten wir wie die allerletzten Streber wirken, aber das war uns egal. Die öffentliche Meinung lautete sowieso, dass Colin ein Verrückter und ich ein Hosenschisser sei. Wir schlenderten unbehelligt die Neue Straße hinauf und die Dorfstraße hinab, bogen in den Kirchweg ein und standen vor den niedrigen Flügeltüren der Bibliothek.

Wir traten in die Haupthalle, einem langen, dunklen Raum. Der Boden war mit welligem PVC ausgelegt, von der Decke hingen drei schwere staubige Kronleuchter mit schwachen Glühbirnen. Zwei hölzerne Regalreihen bildeten den Mittelgang, zur Linken und Rechten zweigten je vier Türen in thematisch sortierte Räume ab. Am anderen Ende des Raumes saß ein älterer Herr hinter einem wackligen Schultisch, der die Theke bildete. Er las ein Taschenbuch und klopfte mit den Fingern geistesabwesend auf die metallene Lehne seines Stuhls.

»Guten Abend Herr Wagner«, grüßte ich ihn. »Wir hätten da was für Sie.«

Er sah uns über den Rand seiner Brille hinweg an. »Ah hm«, machte er. Wir legten die Bücher auf den Tisch. »Gut.« Er wandte sich wieder seinem Buch zu. Das war kein ungewöhnliches Verhalten für den alten Mann und wir machten uns nichts draus. Gemächlich schlenderten wir durch die Reihen, griffen den einen oder anderen Roman, lasen den Klappentext und stellten die Bücher ordentlich zurück. Darüber vergingen einige Minuten, die wir beim Verlassen der Bibliothek bereuten.

***

Am Ende der Neuen Straße – wo wir beide wohnten – standen vier orangefarbene Neubaublöcke, die irgendwann vor der Jahrtausendwende den letzten Anstrich bekommen hatten. Darin wohnten die Assis, wie Colins Vater sie nannte, Arme Schweine Ohne Job Und Perspektive. Unter anderem auch Sophia Müller, alleinerziehende Mutter von Jerry ›Plattnase‹ Müller, der gerade jetzt mit seinen drei Kumpels von der Dorfstraße in den Kirchweg einbog, in der Hand ein Netz mit einem Fußball.

Wir überlegten noch, in die Bibliothek zurück zu schleichen, als Norman Kuligowski schon mit dem Finger auf uns deutete. »Hey, schau mal, zwei laufende Kojoten!«, rief er begeistert und lachte ausgiebig über den eigenen Witz. Plattnase blieb einen Moment stehen, gerade lange genug, um sich ein überlegenes Grinsen zu genehmigen. Dann kam er gelassen auf uns zu.

»Wie geht’s denn so, Freunde? Haben uns ja lange nicht gesehen«, rief er.

»Lass uns verschwinden«, zischte ich Colin zu. »Ich hab keine Lust, verprügelt zu werden.«

Wir liefen die Treppe hinab und den Kirchweg hinauf. Wahrscheinlich wollten die vier Jungs zum Bolzplatz am Ende der Straße, wir konnten vorher abbiegen. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn Plattnases Jungs waren schneller als wir. Noch vor dem Alten Markt (einem kleinen Platz zum gemütlich Sitzen und Sonntags-Brötchen kaufen) wurden wir von Norman und Tobias flankiert. Plattnase ließ sich Zeit und der dicke Otto war selbst nicht so schnell.

***

Sie sagten kein Wort, bis wir nicht den Bolzplatz erreicht hatten. Im Grunde war das nur eine lose eingezäunte, gemähte Wiese am Ende eines bei Regen schlammigen Pfades. Dort hatte man zwei Fußballtore aufgestellt und hielt sich an die gute alte Regel: Was auf dem Bolzplatz geschieht, bleibt auf dem Bolzplatz. Man könnte auch sagen, dass die Wiese weit genug von der Straße entfernt lag, um den meisten Erwachsenen eine kurzzeitige Schwerhörigkeit zu bescheinigen.

Plattnase baute sich vor uns auf. Er war ein Jahr älter als wir und hatte als Kind einen Autounfall überlebt, bei dem seine Nase platt wie ein Pfannkuchen geworden war. Seine kurzen blonden Haare waren der feuchte Traum der Oberstufenmädels.

Tobias und Otto stammten ebenfalls aus den Platt(nas)enbauten, Norman hingegen kam aus etwas besseren Verhältnissen. Er hatte sich die blonden Haare zu einem Igel frisiert. Otto hatte ihn zu übertrumpfen versucht, indem er sich mit grüner Farbe einen Anschein von Coolness gab, ein Versuch, der kläglich an seinen Locken scheiterte.

Alle vier galten als Raufbolde und vorlaute Idioten.

»Nun?«, fragte Plattnase. »Habt ihr mir gar nichts zu sagen?«

»Warum sollten wir?« In solchen Situationen hielt ich es meist für das Klügste, Colin reden zu lassen. »Meinst du, wir sind an einem netten Fußballspiel unter Freunden interessiert?«

Otto grinste unwillkürlich, aber Plattnase zog die Stirn in Falten. »Immer wenn ich gerade glaube, ich könnte dich mögen, kommst du mit so einem dummen, altklugen Spruch daher«, brummte er. »Das ist echt zum Kotzen.«

Wissen Sie, es war einfach nicht Plattnases Art, lange Reden zu Schwingen. Er brachte einen hierher, schlug zu, warf einen vom Bolzplatz und spielte dann in aller Ruhe Fußball – Colin und ich hatten das oft genug erlebt. Wir wussten schon auf den Stufen der Bibliothek, dass wir mit blauen Flecken und schlimmstenfalls einem Knochenbruch nach Hause gehen würden.

Irgendwie war das nun mal so.

Bevor ich mir etwas einfallen lassen konnte, was ihn in ein Gespräch verwickelt hätte, hob Plattnase die Faust.

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