Colins Tagebuch – 14 – Recherche

14 – Recherche

Montag, 04. Mai 2015

Wir gingen zu Colin nach Hause, weil seine Eltern den Abend bei Bekannten aus der Stadt verbrachten. Er ließ sich in seinen Schreibtischstuhl fallen und schaltete den Rechner an. Ich fläzte mich auf sein Bett, aß einen Snickers und blätterte in Colins zerlesener Ausgabe von Tolkiens Hobbit. Im Gegensatz zu mir war Colin damals der Ansicht, ein gutes Buch müsse vergriffen aussehen.

Ein paar Minuten herrschte Schweigen, dann sagte Colin plötzlich: »Er hat kein facebook-Profil.«

Ich sah von dem Buch auf. »Wer?«

»Kay.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich habe die Suche auf seinen Vornamen – mit einem y – und Domlau begrenzt, aber er ist nicht zu finden.«

Colin starrte angestrengt auf den Bildschirm.

»Vielleicht hat er seinen Wohnort nicht angegeben«, meinte ich. »Oder noch nicht geändert. Oder er heißt einfach nicht Kay

Mein Freund drehte sich zu mir um, betrachtete mich ein paar Augenblicke lang und seufzte dann, als habe er eine traurige Erkenntnis gewonnen. »Ich bin ein Idiot«, sagte er. »Aber ich jag seinen Namen trotzdem noch durch Google.«

Wo er selbstverständlich auch nichts von Interesse fand.

***

Dienstag, 05. Mai 2015

Als Schüler der Unterstufe befanden wir uns in einem gleichbleibenden Klassenverband, der zu achtzig Prozent aus Idioten und zu neunzehn Prozent aus Schwachköpfen bestand. Colin und ich bildeten das eine heroische Prozent der Normalbelichteten, zumindest in unseren Augen. Wir waren die Einsiedler, durchaus zufrieden damit, in Ruhe zu lassen und in Ruhe gelassen zu werden.

Bis heute jedenfalls.

In einer zehnten Klasse wird ein neuer Schüler noch standesgemäß vorgestellt, mit Namen-an-die-Tafel-schreiben, lächerlichem Grinsen und allem drum und dran. Nur dass dieser Neue nicht grinste. Er schaute eher gelangweilt, und würdigte uns im Übrigen keines Blickes. Unsere Mitschüler waren sich wahrscheinlich schon nach dem ersten Blick auf sein helles Haar einig, dass er ein noch schrägerer Vogel als das Noah-Colin-Gespann war.

Frau Wunderlich, unsere Klassenlehrerin, informierte uns über den vollen Namen des Jungen: »Er heißt Kay Goldbeck und kommt aus der gleichen Stadt wie Colin und Noah. Ihr werdet ihn doch bestimmt unter eure Fittiche nehmen, nicht wahr, ihr beiden?«

Wir nickten pflichtbewusst, musterten Kay aber ebenso abschätzend wie alle anderen. Er trug ein Linkin-Park-T-Shirt und hatte die Haare zum Zopf gebunden. Seine grauen Augen wirkten stumpf. Er wollte sich auf einen leeren Platz in der ersten Reihe setzen, aber die Wunderlich hinderte ihn daran. »Geh nach hinten, direkt vor Noah. Steve, dich wollte ich schon letzte Woche hier vorne bei mir sehen, also hopp!«

Steve Hauser war ein großer, muskulöser Typ mit einem rot-blau gefärbten Irokesen, der sich durch ein Wort charakterisieren ließ: prollig. Wir waren nicht besonders traurig darüber, ihn als direkten Sitznachbarn zu verlieren.

Kay setzte sich auf den Platz vor mir, ohne mit der Wimper zu zucken. Er nickte uns kurz zu, mehr zum Zeichen eines Erkennens denn als Begrüßung. Ich starrte seinen Rücken an, auf dem die Tourdaten der Band standen, und wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Colin hingegen sah mich grinsend an. »Cool!«, flüsterte er so laut, dass Kay uns auch bestimmt hören konnte.

***

Allerdings mussten wir feststellen, dass Kay sich einen Scheißdreck um uns scherte. In der ersten Pause verschwand er, kehrte mit dem Klingelzeichen zurück und vollführte dieses Kunststück dann in allen weiteren Pausen. Er fragte nicht, wo die Toiletten wären, er wollte keine Hausaufgaben abschreiben, fragte nicht nach dem Stand des Unterrichts und sprach überhaupt mit niemandem ein Wort.

In einer zehnten Klasse ist ein neuer Schüler trotzdem eine Sensation. Die meisten anderen Jungen taten bewusst desinteressiert, aber einige Mädchen kamen heran und wandten sich fragend an uns, als Kay ihnen keine Antwort auf die neugierigen Wo-kommst-du-her-und-wo-gehst-du-hin-Fragen gab. Wir zuckten mit den Achseln und schickten sie zum Teufel.

Insgeheim ärgerte sich Colin aber über alle Maßen, dass der Neue sich so abweisend verhielt. Er schien einen Narren an dem weißhaarigen Schönling gefressen zu haben – im Übrigen dauerte es gerade einmal eine Woche, bis die allgemeine Meinung besagte, Kay sei ein arroganter Weiberheld, der es lieber mit den Mädchen aus der Oberstufe trieb. Wir waren zu cool, um ihn einfach anzusprechen, aber wir vergaßen die schönen Hintern unserer Klassenkameradinnen. Stattdessen schmiedeten wir Pläne, wie wir unauffällig ein Gespräch erzwingen könnten.

Wie sich herausstellte, waren alle Pläne überflüssig.

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