Colins Tagebuch – 13 – Vergessene Kuchenplatten

13 – Vergessene Kuchenplatten

Montag, 04. Mai 2015

Das Klingeln meines unbarmherzigen Weckers riss uns allzu früh aus unseren Träumen. Kurz spielte ich wohl mit dem Gedanken, das Ding einfach gegen die Wand zu schmettern, aber soweit ich weiß, riss ich mich zusammen. Noch unbarmherziger als ein altmodischer Funkwecker ist jedoch die Mutter eines Schulkindes, und so standen Colin und ich ein paar Minuten später in Unterhosen im Bad und putzten Zähne.

»Science-Fiction«, griff Colin das naheliegende Thema auf. »Der Alte hat eindeutig keine Ahnung von Literatur.«

Ich nickte dazu, den Mund voll Schaum.

»Wahrscheinlich wollte er die Dinger der Bibliothek schenken und als die sie abgelehnt haben, hat er sie kurzerhand uns geschenkt. Wir waren Idioten, als wir sie genommen haben.«

Ich spuckte aus. »Aber vielleicht wird es ja noch spannend«, gab ich zu bedenken, wusste aber, dass Colin sich bereits eine Meinung gebildet hatte. Derart ablehnend verhielt er sich selten.

Dann unterbrach meine Mutter das gerade erst keimende Gespräch, indem sie uns losschickte, um Colins Schulsachen zu holen. Wir verzichteten übrigens darauf und gingen gleich zum Bus.

***

In der Schule vergaßen wir das Thema Tagebücher weitestgehend. Es gab genügend schöne Mädchenhintern zu bestaunen, deren Besitzerinnen nicht mit dem warmen Frühlingswind gerechnet hatten. Der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Colin und ich keine weiteren Freunde hatten, weder männliche noch weibliche, und mit unseren zarten fünfzehn Jahren untypisch unschuldig waren.

Kaum zu Hause angekommen, wurde ich jedoch mit voller Wucht in die Gegebenheiten der letzten Tage zurückgeworfen, als meine Mutter radikal ihre verdammte Kuchenplattform einforderte – die immer noch bei Herrn Messerschmidt auf dem Couchtisch lag, wenn er sie nicht weggeräumt hatte. Ich rief meinen Freund und Blutsbruder an, dessen nachsichtige Erzeugerin etwas weniger eindringlich auf ihr Eigentum bestand, und wir trafen uns eine halbe Stunde später vor meinem Haus.

Missmutig stapften wir durch den stärker werdenden Wind die Dorfstraße hinauf. Uns war unwohl bei dem Gedanken, von dem alten Mann nach unserer Meinung zu den Tagebüchern befragt zu werden. Außerdem befürchteten wir beide – ohne darüber sprechen zu müssen – eine weitere Kuchenrunde mit verstaubten Liebesgeschichten.

Nun, uns erwartete eine Überraschung.

***

Von unserer Straße bis zu dem auffallenden Haus der Messerschmidts braucht man in mäßigem Tempo maximal zwanzig Minuten. Es war (daran erinnere ich mich deutlich, weil ich auf die Uhr sah), achtzehn Uhr zwanzig, als wir um die Ecke bogen und das Haus sahen. Gerade in diesem Moment schloss sich die Haustür und eine Frau und ein Junge gingen den kurzen Weg zum Gartentor. Sie trug einen hellblauen Hosenanzug, er Jeans und T-Shirt. Seine Haare waren schneeweiß. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir Kay heute nicht in der Schule getroffen hatten.

»Hey, bleib mal stehen«, zischte ich Colin zu, irgendeinem Impuls folgend. Er gehorchte. Wir beobachteten aus sicherer Entfernung, wie Kay und seine Mutter (konnte diese Frau mit Krähenfüßen und lackierten Fingernägeln wirklich seine Mutter sein?) die Straße hinuntergingen, in Richtung Alter Markt. Wenn sie einen anderen Weg genommen hätten, wären wir ihnen unweigerlich direkt begegnet. So warteten wir, bis sie ein paar Häuser weiter waren.

»Was die wohl bei dem Alten wollten?«, sagte ich.

»Vielleicht kennen sie sich? Oder sie haben ihr Beileid ausgesprochen – sie sind doch gerade am Tag der Beerdigung eingezogen.«

»Fändest du es nicht geschmacklos, einem Wildfremden dein Beileid auszusprechen?«

Colin zuckte mit den Schultern. »Lass uns die scheiß Platten holen. Ich will nach Hause, ich hab Hunger.«

***

»Oh, ihr seid es«, begrüßte uns Messerschmidt. »Habt ihr was vergessen?«

Sein freundliches, runzliges Gesicht machte den Eindruck, als seien wir erst vor wenigen Minuten bei ihm gewesen. Ich legte ihm dar, dass wir tatsächlich etwas vergessen hätten, und er bat uns, kurz hereinzukommen. Irgendwie roch es im Flur nach angebranntem Fleisch.

Messerschmidt ging in die Küche und wir warteten auf der Fußmatte, um nicht erst den Eindruck zu erwecken, wir wollten länger bleiben als nötig. Als er mit den Platten zurückkam, fragte Colin: »Kennen Sie die Neuen, die oben am Kirchweg eingezogen sind?«

Der Alte zog die Stirn in Falten. »Wen meinst du?«

»Na die Frau, die bei Ihnen war. Ihr Sohn hat gebleichte Haare. Wir haben die beiden eben aus dem Haus kommen sehen.«

Der Alte zog die Augenbrauen noch tiefer zur Nase. »Gebleichte Haare? Diese Jugend mit ihrer modernen Mode … Ich kenne niemanden, der so etwas blödsinniges mit seiner Frisur anstellen würde. Man wird doch wirklich früh genug grau und faltig.«

Wir waren verwirrt. »Aber die beiden sind doch aus Ihrem Haus gekommen, Herr Messerschmidt. Erinnern Sie sich nicht mehr?«, hakte ich nach.

Er drückte mir roh die Kuchenplatten in die Hände. »Nein. Ihr müsst die Nachbarin gesehen haben, die war mit ihrem Sohn hier. Der ist blond, vielleicht schien ihm die Sonne ins Gesicht. Ich kenne keine Neuen aus dem Kirchweg. Und jetzt geht bitte, mir brennt das Fleisch an.«

Dem Geruch zufolge war das Fleisch zwar bereits zu Asche zerfallen, aber wir ließen uns nicht zweimal bitten. Draußen sah ich unwillkürlich zum Himmel. Er war mit Wolken bedeckt.

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