Colins Tagebuch – 12 – Weitere Auszüge aus dem Ersten Jahr

12 – Weitere Auszüge aus dem Ersten Jahr

30. April

Heute Morgen kam Nelly – jenes Mädchen, das wir vor einigen Tagen so verzweifelt suchten – auf mich zu, um in meinem Haus bitterlich zu weinen. Ich war darüber recht verwundert und wusste kaum, wie ich mit der Kleinen umzugehen hatte. Zuallererst erkundigte ich mich natürlich nach ihrer Mutter, denn das Kind zählt ja gerade erst sechs Jahre. Sie versicherte mir, ihren Eltern Bescheid gegeben zu haben, was sich nur wenig später als eine Lüge herausstellte.

Nun wollte Nelly aber beileibe nicht über ihre Eltern sprechen, sondern über jenen Jungen, der sie im Wald gefunden hat. Sie vertraute mir an, er habe sie hinein gelockt und seitdem verfolgten sie die schlimmsten Albträume. Natürlich fragte ich, warum sie solches ausgerechnet mir berichtete, doch sie vermochte es nicht zu sagen.

Ich habe mit den Eltern gesprochen, guten, aufrechten Leuten, doch auch die wussten sich keinen Reim auf die Dinge zu machen. Nelly hat sich geweigert, noch einmal über den Jungen zu sprechen, und sie leugnet beharrlich, er habe sie gelockt – sonderbar, sehr sonderbar.

7. Mai

Und wieder hat Eddie sich hervorgetan. Diesmal bestand seine Heldentat in der Rettung eines alten Mannes, dessen Name mir nicht geläufig ist. Er wohnt irgendwo am anderen Ende der Stadt, ein verbitterter Witwer, dessen einzige Tochter vor drei Jahren mit einem fahrenden Vagabunden durchbrannte. Gewiss gibt es in dieser trostlosen Welt nicht viele Dinge, die solch einem alten Mann zur Freude gereichen können.

Am gestrigen Tage hat Eddie jenen alten Mann besucht – freilich ohne ihn zu kennen, das versichern mir Sarah und Jim, meine guten Freunde. Eddie sei einfach vom Feld spaziert, habe sich den ganzen Tag nicht blicken lassen und kam am Abend zurück. Erst in der Stadt erfuhr Jim, dass Eddie gemeinsam mit dem Alten spazieren gegangen und viel gelacht hatte. Darauf angesprochen, gab der Junge zu, Zeit mit dem Mann verbracht zu haben, denn jener sei schwer krank und sehr allein – er habe ihm vor seinem baldigen Tod etwas Zerstreuung gewähren wollen.

16. Mai

Oh, welch Scheusal! Mein Zorn kennt keine Grenzen und voller Wut schreibe ich diese Zeilen! Das gerade er – einer meiner treuesten Kunden, mich so schändlich hintergehen muss! Schon seit Tagen finde ich am Morgen meine Stoffe beschädigt und verschmutzt, aber ich hätte nie den Sohn des Herrn Oldenburg dafür verantwortlich gemacht! Erst Eddie machte mich darauf aufmerksam und so konnte ich den Übeltäter auf frischer Tat ertappten. Aber oh, sein Vater war so stur und böse, dass ich beinahe dem Jungen glauben möchte, wenn er den alten Herrn für den Anstifter der Tat hält.

18. Mai

Heute Nacht, in tiefer Dunkelheit bei strömendem Regen, ist der alte Mann, den Eddie unlängst zu ermuntern sich bemühte, einsam in seinem Haus verstorben.

27. Juli

Sehr lange habe ich das Tagebuch nicht angerührt. Beinahe hätte man denken mögen, der sonderbaren Dinge wäre nun genug – doch just am heutigen Tage schickte sich der Junge Eddie an, seiner Geliebten eine Aufwartung zu machen. Das arme Mädchen ist ganz außer sich vor Entzücken und die beiden haben beschlossen, für einen Tag in eine weit entfernte Stadt zu fahren. Ich bin besorgt – gestern kündigten sich dunkle Wolken an, doch heute ist es eitler Sonnenschein.

28. Juli

Nichts ist geschehen – beiden geht es gut.

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