Colins Tagebuch – 11 – Erstes Jahr – Eddie

11 – Erstes Jahr – Eddie

17. April

Lange habe ich mich davor gescheut, ein Tagebuch anzufangen. Ich denke, das geht allen so, die schlimme Zeiten erleben. Man möchte weder darüber berichten, noch daran erinnert werden. Am liebsten würde man vergessen, dass je etwas geschehen ist, und weiter sein kleines, unauffälliges Leben im Kreise der Lieben verbringen. Aber wir alle, die wir sonderbare Dinge gesehen haben, sind doch auch verpflichtet, die Welt darüber in Kenntnis zu setzen, sie zu warnen vor den Ungeheuerlichkeiten des menschlichen Geistes.

Nun denn also. Ich will berichten, was sich zugetragen hat.

Zuallererst – ich bin Richard Blank, sechsundzwanzig Jahre alt, der Vater zweier entzückender Töchter, Ehemann einer liebenden Frau und Sohn eines gestandenen Mannes. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit dem Verkauf von Stoffen, wofür ich oft und viel herumreise. Unlängst hielt mich aber ein gebrochenes Bein davon ab, meiner Arbeit nachzugehen. Ein scheuender Klepper hatte mich erwischt, um es mit den Worten des ungezogenen Nachbarjungen auszudrücken.

So lag ich lange darnieder und vor einigen Wochen luden mich meine alten Freunde aus Kindertagen ein, zu sich aufs Land zu kommen. Sarah McGilty ist eine wunderschöne, tüchtige Frau, der nur der eine Herzenswunsch bisher versagt geblieben war. Ihr Mann, Jim, ist der Sohn einer Nachbarin meiner Mutter, und damit mir so nahe wie ein eigener Bruder.

Bei Sarah und Jim wurde ich rund um die Uhr verwöhnt. Sie gaben sich die allergrößte Mühe, mich nicht auf meinen Unfall und meine Schmerzen anzusprechen. Tag für Tag merkte ich ihnen jedoch eine gewisse Unruhe an, die mich im höchsten Grade besorgte und neugierig machte.

Schließlich sprach ich das Paar direkt an. Sarah klatschte aufgeregt in die Hände und meinte: ›Ich dachte gar, du fragst nie!‹

So erfuhr ich also das große Geheimnis. Sarah und Jim nahmen sich eines Waisenkindes an. Es war der Sohn einer entfernten Verwandten, die an einem unbekannten Leiden verstorben war. Zwar handelte es sich mitnichten um ein kleines Kind, aber Sarah hatte solange vergebens die Mutterrolle zu erlangen gesucht, dass sie sich darum nicht unnötig grämte.

Drei Tage später – ich sollte noch mindestens eine Woche bei McGiltys bleiben – kam Eddie in seinem neuen Zuhause an. Er war ein schlaksiger Bursche von fünfzehn Jahren, mit hellen, wachen Augen und sehr hellem, von der Sonne gebleichtem Haar. Sein Auftreten und Benehmen war das Vorzüglichste und er reichte mir bei seiner Ankunft freundlich die Hand, fragend: ›Seid Ihr, werter Herr, ein Freund der Familie?‹

Wir waren alle entzückt.

Doch natürlich führe ich nicht Tagebuch, nur da Sarah und Jim endlich ein allzu kurzes Elternglück erleben dürfen. Jedoch habe ich mich erkundigt, woran die Eltern des Jungen gestorben sind, und dies gibt mir Grund zur Sorge: sein Vater sei im Schlafe verstorben, man könne einen Giftmord nicht ausschließen, sei er doch von bester Gesundheit gewesen. Und die Mutter litt an sonderbaren Geisteszuständen, phantasierte von Riesen und fliegenden Metallvögeln, bis sie sich schließlich selbst mit einem Strick erlöste.

Jim hält meine Vorwürfe natürlich für unberechtigt, wenn er sie auch nicht übelnimmt. Aber jener freundliche Bursche ruft in mir ein sonderbares Gefühl hervor, das ich kaum zu deuten vermag – es ist, als bekäme ich bei seinem Anblick eine warme Gänsehaut. Trotz seiner Adretten Art scheint er kalt wie ein Fisch zu sein und bisweilen wirken seine Schmeicheleien beinahe ironisch.

Nun, ich werde infolgedessen dem Rat meiner lieben Frau folgen und all meine Ängste in Worte fassen, auf das sie verschwinden mögen oder aber, so sie sich erfüllen, ich dokumentiert habe, was geschehen ist.

25. April

Beinahe hätte ich mein Tagebuch beenden wollen, ehe es richtig begonnen hat, aber das Schicksal gibt meinen Vorahnungen schließlich recht. Was gestern passiert ist, und vor allem, was ich gesehen habe!, spottet dem normalen Menschenverstand.

Eddie, dieser unscheinbare kleine Junge, scheint mir fürwahr ein durchtriebener Bursche zu sein! Das ganze Dorf war in heller Aufruhr, als am frühen Morgen die kleine Nelly spurlos verschwunden war. Ihre arme Mutter überlegte in der Verzweiflung, allein in den Wald zu gehen und das Kleine zu suchen, doch ihr braver Mann konnte sie davon abbringen. Völlig sinnlos wäre ein solcher Marsch doch gewesen! Der Wald ist tief, dunkel und verworren, die tapfersten Männer schon verirrten sich dort und mussten klettern, um nach den Sternen zu sehen.

Nun denn, ich will es in Kürze fassen. Der Junge Eddie kam nach zwei, drei Stunden vergeblichen Suchens und verkündete voller Stolz, er wisse, wo sich Nelly befinde. Daraufhin verfolgte man ihn in den Wald, wo wir das Kind weinend auf einer Lichtung inmitten eines Strauches Brenneseln fanden.

Nun wäre diese Tat eine ruhmreiche, wenn ich nicht das bösartige Lächeln über sein Gesicht hätte huschen sehen – dieses Lächeln, das mir deutlich machte, dass er nicht nur für das Auffinden, sondern auch für das Verschwinden der kleinen Nelly verantwortlich war.

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