Colins Tagebuch – 10 – Das Vorwort

10 – Das Vorwort

Sonntag, 03. Mai 2015

Es war kurz nach 20.00 Uhr, ehe wir uns die Tagebücher genauer anschauten. Meine Eltern hatten Colin zum Abendessen eingeladen, dabei fragte meine Mutter mit einem nachsichtigen Lächeln nach ihrer Kuchenplatte. Wir hatten die vermaledeiten Platten natürlich bei Messerschmidt vergessen und ich frage mich, wie alles weitergegangen wäre, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre – aber solche Gedankenspielereien sind müßig.

Nach dem Essen rief Colin seine Eltern an und sagte ihnen, er wolle bei mir übernachten und morgen früh seine Schulsachen abholen. Seine Mutter stimmte zu, nicht ohne die üblichen Ermahnungen. Dann schloss ich behutsam meine Zimmertür ab (obwohl meine Mutter das nicht mochte) und zog den Vorhang zu. Wir setzten uns auf den Fußboden und nahmen das oberste der Tagebücher zur Hand.

Der grüne Einband war an manchen Stellen rissig geworden vom Alter. Wie Messerschmidt gesagt hatte, befanden sich darin zusammengeheftete, mit einer Schreibmaschine beschriftete Blätter. Die äußersten Seiten waren an dem Ledereinband festgeklebt worden, das ganze wirkte ein bisschen wie die Arbeit eines Schuljungen. Wir schlugen die erste Seite auf. Dort stand:

Tagebuch von Richard Blank

Zu Händen meiner lieben Schwester Anna

Wir sahen uns an. Das Ganze wirkte nicht wie Science-Fiction, als welche es sowohl Messerschmidt als auch die Bibliothekarin in seiner Erzählung angepriesen hatten. Tatsächlich bewiesen bereits die ersten Absätze, dass es sich im Falle eher um einen altertümlichen Gruselroman handelte:

Ich betone, dass ich mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte befinde. Ich betone, dass ich nicht gezwungen werde, diese Zeilen zu schreiben. Tatsächlich geschieht es aus freiem Willen und mit der größten Sorgfalt, damit nachfolgende Generationen vor den Erfahrungen geschützt seien, mit denen ich konfrontiert mich sah.

Es ist ein warmer Herbsttag. Meine Frau Mutter befindet sich in einem Zustande der herzerwärmendsten Unruhe, denn mein Vater liegt mit einer schweren Grippe zu Bett. Er hat schon immer einen schwachen Leib gehabt, doch nie zuvor sah ich ihn so schwach und elend. Beinahe möchte man mutmaßen, seine Zeit wäre bereits gekommen, wobei ich mir dieses doch nicht vorstellen möchte.

Meine Schwester Anna befindet sich zurzeit auf Studienreise in Paris, wo sie sich mit den bildenden Künsten beschäftigt (denn was auch sonst könnte man in einer Stadt wie Paris tun). Sie hat ihren Verlobten hier zurückgelassen, der dadurch arg gekränkt ist und immerfort schimpft, wobei er sie doch weiterhin innig liebt.

So geht das Leben also seinen Gang, wie es alltäglicher nicht sein könnte, und doch spüre ich einen Schatten auf meinem Gemüt, der jede Freunde von mir zu vertreiben sucht. Die Dinge, die ich gesehen und miterlebt habe, lasten schwer auf meiner Seele, fürchte ich doch, sie hätte verhindern zu können. So oft mein guter Freund Victor auch das Gegenteil behaupten mag, ich gräme mich ob der verlorenen Freunde. Tag für Tag stehe ich an ihrem Grab und frage mich, warum der Herrgott mir so eine große Bürde auferlegen musste.

Colin schlug mir das Buch vor der Nase zu. »Meine Güte«, sagte er. »Wenn das jetzt die ganze Zeit so weitergeht, schaffe ich davon keine sechs Bücher. Meinst du, der Alte hat die wesentlichen Stellen markiert?«

Ich nahm eines der anderen Bücher und schlug es auf. Auf der ersten Seite stand eine mit Bleistift geschriebene 2. Auf der nächsten Seite ging der Text unter der Überschrift Zweites Jahr weiter. Ich warf einen Blick in die übrigen Bücher – natürlich handelte es sich bei denen um vier weitere Jahre.

»Vielleicht sollten wir diesem Vorwort eine Chance geben. Dann wissen wir vielleicht, ob wir wirklich alle Bücher lesen müssen«, sagte ich.

Colin gab mir Recht und wir lasen weiter.

In diesem Tagebuch wirst du, liebe Anna, die Aufzeichnungen der letzten sechs Jahre finden, sortiert und ins Reine geschrieben. Sicherlich wirst du nicht alles glauben. Du musst nicht einmal alles lesen, wenn du das nicht möchtest, denn im Grunde ist es ja doch völlig gleichgültig. Nichts, was geschehen ist, kann noch geändert werden, und der kleine Eddie ist ohnehin längst verschwunden.

Aber vielleicht interessiert es dich ja, woher mein großes Leid rührt und warum es mir so schwer fällt, unserer lieben Mutter beizustehen, die es doch gerade so schwer hat. Lies meine Aufzeichnungen nur mit dem immerwährenden Gedanken an meine völlige geistige Gesundheit, so will ich mich zufrieden geben mit deinem Urteil, wie es auch ausfallen möge.

Das erste und das letzte Jahr mögen für dich von besonderem Interesse sein, wobei ich die übrigen doch nicht in diesem Tagebuch missen möchte. Es hat mich oft viel Kraft gekostet, alles aufzuschreiben, was geschehen.

Wie kostbar ist doch unser Leben, teure Schwester. Und wie kostbar sind die Leben unserer Eltern.

Es grüßt und küsst dich herzlich

Dein dich liebender Bruder

Richard

Die folgende Nacht verbrachten wir damit, das erste Jahr zu lesen, an dessen Ende angekommen wir schlafen gingen.

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