Colins Tagebuch – 9 – Die Tagebücher des Richard Blank

9 – Die Tagebücher des Richard Blank

Sonntag, 03. Mai 2015

Er schwatzte uns noch ein Stück Kuchen auf, ehe er endlich mit seiner Geschichte begann. Die Hände auf dem Gehstock gefaltet saß er in seinem braunen Ledersessel, ließ den Blick nostalgisch über die Fotos an der Wand schweifen und nickte behäbig mit dem kahlen Schädel. »Ja, als wir in eurem Alter waren, da haben wir auch noch alles wissen wollen, was ein Mensch zu lernen in der Lage ist«, sagte der alte Messerschmidt. »Trude und ich kannten uns schon seit dem Kindergarten und es war immer allen klar, dass wir eines Tages heiraten und Kinder kriegen würden. Nur wurde es dann lediglich ein Kind – aber egal.

Zu unserer Zeit war das ja noch alles furchtbar anders mit der Schule und der Freizeit. Wir durften nicht einfach machen, was wir wollten, nee … Deswegen sind wir oft in die Bibliothek gegangen. Die stand schon immer dort bei der Kreuzung am Gemeindehaus … Nur hatte sie damals noch nicht so viel zu bieten wie heute.

Trude und ich waren also Stammgäste. Da gab es so eine hübsche Bibliothekarin, in die hatte ich mich sogar mal verguckt. Ich wollte ihr Rosen schenken, aber Trude klaute einfach mein Portmonee, kann man sich das vorstellen. Sie war eben auch damals schon etwas herrisch. Jedenfalls gab es diese Bibliothekarin, Fräulein Simone Hubert. Sie war eine Schwarze, mit molligen Hüften und wunderschönen dunklen Locken. Sie war natürlich ein bisschen älter als wir und ich erinnere mich, dass sie einen Weißen heiratete – wie es auch ihre Mutter schon getan hatte.«

Colin warf mir einen Blick zu, in den sich Ungeduld, Verwunderung und Neugierde mischten. Ich erwiderte ihn mit einem Grinsen.

»Damals war das alles ein furchtbarer Skandal … aber was erzähle ich euch das, ihr naseweisen Jungen wisst ja noch nicht einmal, worum es beim Heiraten eigentlich geht. Das ging uns in dem Alter ja nicht anders. Aber als wir regelmäßig in die Bibliothek gingen war sie noch frei und ich schmachtete ihr nach.

Eines Tages sprach sie uns an, weil sie uns etwas zeigen wollte. Es waren diese Bücher – eine anonyme Spende, welche die Bibliothek auch gern angenommen hatte. Sie fragte uns, ob wir nicht Lust auf ein wenig Science-Fiction oder Horror hätten. Also liehen wir uns die Bücher aus. Ich habe sie aber ehrlich gesagt nie gelesen, das war Trudes Gebiet. Sie stapelte die Bücher in ihrem Zimmer auf dem Schreibtisch und versank dann geradezu.

Ein paar Tage später besuchte ich sie, die Bücher waren verschwunden. Sie erzählte mir, sie hätte sie abgegeben. Aber dann kam eine Mahnung ins Haus, weil die Bibliothek ihre gottverdammten Bücher zurückhaben wollte. Naja, den Rest könnt ihr euch denken: Trude log der schönen Fräulein Hubert eiskalt ins Gesicht und behauptete, sie habe die Bücher abgegeben. Ihre Eltern waren stinksauer und wetterten gegen die Schwarze, sie würde ihre Tochter einer Lüge bezichtigen … Schließlich drohte die Bibliotheksleitung mit einer gerichtlichen Verfügung und Trude ging zwei Monate lang Zeitungen austragen und Rasen mähen. Die Rede ist von sechs Büchern und damals waren die Strafen noch nicht so hoch, müsst ihr wissen.

Ich vergaß die ganze Geschichte, bis ich Trude eines Tages in ihrem Zimmer überraschte. Da saß sie, über die Bücher gebeugt, und bemerkte mich gar nicht. Ich stellte sie wütend zur Rede. Trude erklärte, dass jene Bücher zu gefährlich für eine Stadtbibliothek seien und sie sie sicher verwahren wolle. Ich sah mir nun die Bücher genauer an – kein Titel, nur schmutzig-grüne Einbände. Sie waren mit der Maschine geschrieben und zusammengeheftet. Es sind die Tagebücher eines gewissen Richard Blank – und ich habe sie wie gesagt nicht gelesen.«

Messerschmidt machte eine lange Pause, während der wir alle verlegen auf unseren Plätzen hockten und uns nicht zu rühren wagten. Dann stampfte er mit dem Gehstock auf und lachte. »Trude hat diese Bücher tatsächlich jahrelang auf dem Dachboden versteckt, aber natürlich glaubte ich ihr albernes Geschwätz von wegen Gefahr nicht. Es sind nur ein paar Horrorgeschichten, die jemand in Tagebuchform verfasst hat. Ich dachte einfach, ein paar Jungen wie ihr könntet das spannend finden. Na, was ist, habt ihr Interesse an mystischer Literatur?«

Wir stimmten zu, aber ich sah Colin an, dass er ebenso misstrauisch war wie ich. Die Geschichte des Alten hatte etwas Komisches, bei dem ich einen flauen Magen bekam. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er sehr wohl an eine Gefahr glaubte und die Bücher loswerden wollte.

Wir bekamen jeder noch ein Stückchen Kuchen, ehe wir uns mit den sechs Büchern unterm Arm auf den Heimweg machten.

***

Auf dem Heimweg war Colin in ausgesprochen aufgeräumter Stimmung. Er schlenkerte mit dem freien Arm, pfiff irgendeine dumme Melodie und grinste unverfroren. Ich sprach ihn darauf an.

»Ich finde das alles sehr spannend, du nicht auch?«, war seine Antwort. »Messerschmidt scheint ja richtig Muffensausen vor diesen Büchern zu haben. Und hättest du dir die gute Trude als Diebin vorstellen können?« Er lachte ausgelassen.

Ich schüttelte den Kopf. »Du glaubst ihm wohl?«

Colin blieb stehen und sah mich aufmerksam an. »Trude Messerschmidt scheint zumindest geglaubt zu haben, dass mit diesen Büchern etwas nicht stimmt. Und der Alte sah auch glücklich aus, die Dinger loszuwerden. Übrigens – ist dir aufgefallen, dass wir ihn angestiftet haben, seine Schallplatten zu verkaufen?«

Ich schüttelte abermals den Kopf.

»Haben wir aber. Wegen dieser doofen Zeitung – sonst wären dir die Platten gar nicht weiter aufgefallen.«

»Stimmt.«

»Also finde ich, wir sollten auch die Tagebücher unter die Lupe nehmen. Wer weiß, vielleicht ist es ja Schicksal, dass Messerschmidt sie uns geschenkt hat.« Und er lachte wieder laut, wie ein Schuljunge, dem gerade ein besonders perfider Streich gelungen ist.

Ich fand die ganze Sache weniger witzig, denn im Gegensatz zu Colin sah ich keinen Zusammenhang zwischen all den Dingen, die in den letzten Tagen passiert waren. Das würde sich natürlich ändern – sonst bräuchte ich mir kaum die Mühe zu machen, Ihnen das alles zu erzählen.

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