Colins Tagebuch – 8 – Der alte Messerschmidt

8 – Der alte Messerschmidt

Sonntag, 03. Mai 2015

Ich machte Colin mit einem Stoß in die Rippen auf den Karton aufmerksam. Er blinzelte überrascht, sagte aber nichts. Messerschmidt kramte immer noch in einer Schublade, daher wagte ich es, meinem Freund zuzuflüstern: »Wenn er die wirklich verkaufen will, hat der Domlau Kurier recht gehabt.«

Colin zuckte die Achseln und sah so desinteressiert aus, dass ich mir doof vorkam, weiter auf dem Thema zu beharren. Ich redete mir ein, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und beobachtete den alten Mann, der endlich fand, was er suchte. Mit einem Foto in der Hand drehte er sich lächelnd zu uns um.

»Schaut euch das hier an! Das Bild ist über vierzig Jahre alt und in einem viel älteren Domlau aufgenommen worden. Solche Kutschen gibt es heute gar nicht mehr!« Er humpelte heran und drückte uns eine vergilbte Fotografie in die Hände. Darauf stand ein deutlich jüngeres Ehepaar Messerschmidt vor einer mit Blumengirlanden geschmückten Pferdekutsche. Sie hielt einen Strauß.

»Das war ihr Geburtstag. Über vierzig Jahre ist das her! Wie doch die Zeit vergeht … ah, der Kuchen. Wartet doch noch ein paar Sekunden auf mich, dann bin ich gleich zurück.« Und er humpelte hinaus.

Colin sah abfällig auf das Foto. »Er wird uns doch wohl nicht nur deswegen hergerufen haben? Wenn die Alte wüsste, dass er solche Fotos herumzeigt, würde sie sich im Grab umdrehen, nicht ohne ihn vorher zu verwünschen.«

»Quatsch. Er hat bestimmt nur nach einem guten Einstieg gesucht.« Mein Blick wanderte schon wieder zu dem Karton mit Schallplatten und Colin bemerkte das.

»Fragen wir ihn halt danach«, meinte er gönnerhaft.

Kurze Zeit später kam Messerschmidt mit einem Tablett zurück, auf dem Kuchenteller und drei Gläser Saft standen. Er stellte alles auf dem Tisch vor der Couch ab. »Bedient euch, es ist reichlich da. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel Spaß in der Küche gehabt!« Er lachte gackernd und ich fragte mich ernsthaft, ob sein Verstand bei der gestrigen Beerdigung gelitten haben mochte. Colin untersuchte den Kuchen sorgsam, ehe er einen Bissen nahm.

»Herr Messerschmidt, was hat es denn mit diesen Schallplatten hier auf sich? Wollten Sie uns das zeigen?«, fragte ich kauend.

Er sah verwirrt drein. Ich deutete auf den Karton und ihm ging ein Licht auf. »Ach, die Schallplatten. Nein, ich hatte überlegt sie zu verkaufen. Heutzutage an Ersatzteile für Plattenspieler zu kommen ist so mühsam geworden, wisst ihr. Eigentlich war es auch Trudes Sammlung, nicht meine. Größtenteils Mozart und solcher Kram. Damit kann ich nichts anfangen. Wollt ihr sie haben?«

»Nein, nein«, wehrte ich schnell ab. »Verkaufen Sie sie ruhig.«

»Ja, wahrscheinlich hast du recht und ich sollte das tun. Viel wert sind sie wohl nicht, aber ich muss mir ja auch um das liebe Geld keine Sorgen machen.« Er lachte wieder und mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wo war seine Traurigkeit von gestern geblieben?

»Meine Mutter bittet Sie übrigens, mir die Kuchenplatte wieder mitzugeben«, warf Colin ein. Dabei erinnerte ich mich an den nämlichen Auftrag meiner Mutter. Messerschmidt schlurfte sofort in die Küche, um die Platten zu holen. Danach ging er zum Fenster und schaute in den Hof hinaus.

»Eure Mütter haben mir viel bei den Vorbereitungen geholfen«, sinnierte er. »Dafür bin ich ihnen dankbar, aber ich würde es doch vorziehen, ihre Gesellschaft in Zukunft zu meiden.«

Colin warf mir einen fragenden Blick zu, aber ich wusste mir auf diese Bemerkung auch keinen Reim zu machen.

»Vermissen Sie Ihre Frau eigentlich gar nicht?«, fragte Colin vorsichtig und ich verschluckte mich an einem Stück Kuchen. Das erschien mir sehr dreist, aber der Alte reagierte nicht ungehalten.

»Doch, durchaus. Ich erwache morgens in einem kalten Bett und ich sitze einsam an einem zu großen Küchentisch. Vielleicht sollte ich mir einen Hund zulegen, aber in meinem Alter ist man vorsichtig mit der Übernahme von Verantwortung. Ich habe beschlossen, die letzten Züge zu genießen – jetzt, da ich nicht mehr auf mein Geld zu achten brauche, und mir niemand mehr vorschreibt, welches Hemd ich morgens anziehen soll. Ich sage euch, Jungs …« Er drehte sich zu uns um. »Heiratet ums Verrecken bloß nicht. Es ist wunderschön, aber manchmal … Ach, ich rede wirres Zeug.« Er fährt sich mit der Hand über das runzlige Gesicht. »Kommt schon, ich wollte euch doch was zeigen. Es steht im Schlafzimmer.«

***

Es war ein unangenehmes Gefühl, in diesem fremden Schlafzimmer zu stehen. Die Vorhänge waren zugezogen und es war ziemlich dunkel. Die dunklen Möbel ließen den Raum eng und stickig erscheinen. Auf dem Doppelbett lagen eine rote Tagesdecke und zwei Kopfkissen.

Messerschmidt ging zum Schreibtisch, auf dessen weitgehend leerer Arbeitsplatte ein Pappkarton wie jener im Wohnzimmer stand. Er öffnete ihn und wir traten neugierig näher. Irgendwie hatte ich etwas Spektakuläres erwartet, nachdem der Alte sich die ganze Zeit über so sonderbar benommen hatte. Eine elektrische Maschine vielleicht, oder ein ganzer Stapel Domlau Kuriere.

Stattdessen waren es Bücher.

»Die haben Trude gehört. Ich lese nicht mehr viel, meine Augen sind zu schlecht dafür. Aber eure Mütter haben geschwärmt, wie sehr ihr euch doch für Literatur begeistern könntet. Sie waren so stolz darauf, als hättet ihr damit den Friedensnobelpreis gewonnen. Also dachte ich, das hier wäre vielleicht was für euch.«

Colin nahm eines der Bücher heraus. Das Cover war leer. »Was ist denn das? Romane?«

Der alte Mann ließ ein leises Lachen erklingen, bei dem ich unwillkürlich aufsah. Seine Augen funkelten vor Vergnügen. »Kommt mit ins Wohnzimmer zurück. Ich werde euch erzählen, was es mit diesen Büchern auf sich hat.«

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