Abgestumpftes Künstlertum

Ich darf mich an dieser Stelle einmal selbst zitieren:

[…] weil ich einfach keinen Kopf für Kindesmisshandlung habe, wenn meine beste Freundin in wenigen Tagen Geburtstag hat […]. (aus Alles zugleich oder doch lieber Nichtstun?)

Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass jene Formulierung sich etwas eigenwillig läse, und der empörte Leser mag mich unsensibel nennen. In der Tat liegt er damit vielleicht nicht einmal falsch, denn ich behaupte von mir, in mancher Hinsicht ein recht dickes Fell zu haben – die Beschäftigung mit den Abgründen menschlicher Seelen bringt eine gewisse Abstumpfung mit sich, ist es nicht so?

Keine Sorge, ich bin noch weit davon entfernt, ein unsensibler Steinklumpen zu sein, dafür fehlt mir (glücklicherweise!) die nötige Tiefe. Dennoch ziehe ich eine klare Grenze zwischen Literatur und Realität, zeitweise unbewusst und manchmal sogar ohne es zu wollen. Ich käme nie auf die Idee, einem möglicherweise real misshandelten Menschen eine solch flapsige Formulierung an den Kopf zu werfen, und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass jenes obige Zitat mitnichten eine Abwertung darstellen sollte. Über den Ernst von Kindesmisshandlung brauchen wir an dieser Stelle nicht zu diskutieren.

Um mit solchen Themen arbeiten zu können, ist eine gewisse emotionale Abhärtung aber vonnöten. Um mein Mammut realisieren zu können, brauche ich eine Vorstellung von den körperlichen und seelischen Folgen täglicher Gewalt. Ich habe Schicksalsberichte von misshandelten (zumeist sexuell missbrauchten) Menschen gelesen, habe Onkel Google gefragt, habe versucht, mir verschiedene Situationen irgendwie vorzustellen – nur um festzustellen, dass es unmöglich ist, sich in die Opfer hinein zu versetzen.

Mittlerweile habe ich also eine strikte Trennung – Gewalt innerhalb der Literatur ist entweder Fiktion (und damit nicht halb so erschreckend wie die Realität), oder aber eine Sache, die ich gewissermaßen studiere. Das klingt jetzt sicher ein bisschen abschreckend, aber ich darf Ihnen eines versichern: ich würde in einem Menschen, den ich in irgendeiner Form persönlich kennengelernt habe (und sei es nur ein E-Mail-Kontakt), kein »Forschungsobjekt« sehen. Es gibt eine Grenze schriftstellerischer Neugier, die zu Überschreiben einem Anstand und Empathie strikt verbieten. Man stellt sich nicht hin und sagt: Ach, erzähl mal, ich schreib eh grad ein Buch über das Thema.

So erklärt sich vielleicht auch die flapsige Bemerkung über den Kindesmissbrauch. Manchmal braucht es etwas Gelassenheit, um die Szene gut werden zu lassen – sicher beginnt nicht jeder Autor vor Wut oder Schmerz zu weinen, wenn er einen Charakter qualvoll sterben lässt. Ebenso wenig wird der Schöpfer von Liebesromanen bei jeder erotischen Szene einen Anfall von Liebestollheit erleiden. Künstler sind Darsteller, auf Papier, Leinwand oder Bühne, und manchmal können sie sich Emotionen nicht leisten. Das macht sie mitnichten zu schlechten Menschen.

Nun, ich beginne zu schwafeln, und das haben wir alle nicht nötig. Lassen Sie mich daher zu meiner Dracula-Lektüre zurückkehren. Ob Stoker sich beim Schreiben wohl gegruselt hat …?

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