Colins Tagebuch – 7 – Zwei eigenwillige Gestalten

7 – Zwei eigenwillige Gestalten

Sonntag, 03. Mai 2015

Colins Mutter war eine grazile, aber nichtsdestotrotz rustikale Frau. Sie war schlank, nicht besonders groß, färbte ihr Haar schwarz und trug gern flauschige Socken. Sie hatte einen starken Hang zur Religiosität, und da sie ihren Haushalt mit eiserner Hand führte, fanden sich in jedem Zimmer Heiligenbildchen oder Kreuze.

Es gab Menschen in der Stadt, die Maria Bergmann für verschroben hielten, aber ich mochte sie. Ihr freundliches Lachen klang durchs ganze Haus und sie sang Kirchenlieder, während sie das Mittagessen zubereitete. Außerdem erlaubte sie mir immer, eine Tasse Kaffee zu trinken – und sie erzählte es nicht einmal meiner Mutter.

Als wir zur Hintertür hereinspazierten saß Colins Mutter in der Küche und schälte Kartoffeln. Sie freute sich sichtlich, uns zu sehen.

»Schön, dass ihr mir Gesellschaft leistet. Geht es deinen Eltern gut, Noah? Hat euer Garten alles gut überstanden?«

»Meine Mutter ärgert sich, weil gestern niemand die Wäsche reingeholt hat«, antwortete ich. »Und mein Vater beklagt ein zerfetztes Blumenbeet. Aber ansonsten ist alles paletti – die Wäschespinne wird sich reparieren lassen.«

Colin stellte die Kaffeemaschine an und erkundigte sich nach seinem Vater.

»Er ist zum Gemeindehaus gegangen. Die Freiwilligen treffen sich dort, um die Sturmschäden auszubessern. Im Kirchweg sollen drei Bäume umgefallen sein, kann man sich das vorstellen!« Sie schüttelte den Kopf, um zu symbolisieren, dass man sich das keinesfalls vorstellen konnte. »Und hinten bei den Neubauten soll der Blitz eingeschlagen sein, in eine Schüssel.«

»Was für eine Schüssel?«, fragte Colin.

»Eine Satellitenschüssel.«

»Ein Grund mehr, die Dinger abzuschaffen«, murrt Colin und stellt eine Tasse vor mich hin. »Hast du Papa dahin geschickt? Von selbst macht der sowas nicht.«

Sie lächelte ihr liebenswürdigstes Lächeln. »Schätzchen, du musst noch viel lernen. Dein Vater ist ebenso wie ich der Ansicht, dass es nicht schaden kann, unser Ansehen etwas aufzupolieren, ehe du in eine Phase kommst, in der es rettungslos verloren sein wird.«

»Das muss ich mir nicht bieten lassen! Komm, Noah, wir gehen in mein Zimmer!« Aber er grinst dabei.

***

Um kurz vor drei klingelte ich an der verblichen grünen Tür eines fehl am Platz wirkenden Häuschens mit Fensterläden und Vorgarten. Mitten in der Stadt gelegen, hatte man schon oft versucht, Messerschmidts dieses Grundstück abzukaufen (das wusste jeder), aber die Alte hatte ihren Besitz ebenso hartnäckig gehütet wie all ihr Geld und nicht zuletzt auch ihren Ehemann.

»Hoffentlich hat er uns nicht vergessen«, flüsterte Colin mir zu, während im Haus schlurfende Schritte zu hören waren. »Das wäre ziemlich peinlich.«

Aber als Messerschmidt die Tür öffnete sah man sofort, dass er uns nicht vergessen hatte – er trug ein freundliches Lächeln zur Schau und wedelte mit einem Topflappen. »Kommt rein, kommt rein! Der Kuchen ist so gut wie fertig!«

Etwas perplex betraten wir das Haus. Es roch, wie es bei alten Leuten eben riecht – nach Staub und Mottenkugeln und verwesenden Gedanken. Der Flur war dunkel, beherrscht von einer riesigen Garderobe. Ein Spiegel zeigte uns die eigenen verwirrten Gesichter.

Messerschmidt war vor zur Küche gegangen, einem hellen, blumenüberhäuften Ort. »Hab ich alle gestern bekommen«, erklärte er fröhlich. »Setzt euch! Oder besser, wir gehen ins Wohnzimmer, da riecht es nicht so sehr nach gottverdammten Lilien!«

Colin und ich starrten uns an. Der alte Mann war so verändert, so sonderbar lebenslustig und verrückt, dass wir uns unwillkürlich fragten, ob er nicht froh sei, seine Frau verloren zu haben.

Folgsam gingen wir ins Wohnzimmer. Auf dem altmodischen Röhrenfernseher stand eine gerahmte Fotografie der Verstorbenen. Colin deutete auf die braune Ledercouch (hässliches Teil!) und wir setzten uns. Alles war sehr surreal – der alte Mann mit seinem Krückstock, wie er zur Schrankwand humpelte und in einer Schublade kramte, die Fotografie auf dem Fernseher, die gelblichen Gardienen, durch die man auf den gepflegten Hof schaute, die Keramikfiguren neben dem Telefon.

Und neben der Couch stand ein Karton Schallplatten.

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