Colins Tagebuch – 6 – Der Kurier

6 – Der Kurier

Sonntag, 03. Mai 2015

Ich beeilte mich, mit dem Laub im Garten fertig zu werden, und schloss mich dann in meinem Zimmer ein. Die Zeitung lag auf meinem Schreibtisch, wo ich sie vor den Blicken meiner Eltern in Sicherheit gebracht hatte. Zögernd setzte ich mich und starrte die erste Seite an.

Unter dem verwischten Leitartikel stand noch eine zweite Überschrift, die aber ebenso unleserlich war. Ohne große Hoffnungen schlug ich das Blatt auf. Vor mir lagen die Seiten Zwei und Sieben, beide in tadellosem Zustand. Hastig schaute ich nach der Rückseite, wo die schwarze Tinte zu einem großen Fleck verlaufen war. Einzig die Kopfzeile war erhalten geblieben:

Seite 8 – Wetteraussichten *** Domlau Kurier *** 04. Mai 2015

Vom Domlau Kurier hatte ich noch nie etwas gehört – unsere Stadt war viel zu klein für eine eigene Zeitung. Langsam blätterte ich wieder in die Mitte des Zeitungsfetzens. Misstrauisch kontrollierte ich noch einmal das Datum, aber es änderte sich nicht, nur weil es mir unangenehm war.

Seite Zwei beinhaltete neben einigen kleinen Artikeln auch ein großes Foto (erst jetzt fiel mir auf, dass ein solches auf der Titelseite fehlte). Es zeigte unseren Bürgermeister Klaus Müller (der nichts mit Jerry ›Plattnase‹ Müller zu tun hatte), wie er einem bärtigen Fremden die Hand schüttelte. Laut Bildunterschrift handelte es sich bei diesem eigenartigen Individuum um Richard G. Mustermann. Ich machte mich daran, den entsprechenden Artikel zu lesen.

Einweihung des Domlau Kurier

Bürgermeister Müller und Redaktionschef Mustermann weihen am Sonntag, den 03. Mai 2015, die neue Zeitung der Stadt ein – mit großem Erfolg!

Es ist ein kleiner Schritt für den gebürtigen Hannoveraner, aber ein großer Schritt für unsere kleine Stadt! Mit der Eröffnung der ersten eigenen Zeitung erfüllt Richard G. Mustermann sich einen lange gehegten Traum. Bürgermeister Müller besuchte gestern das in dem Georgsweg 20 aufgeschlagene Hauptquartier der Redaktion.

»Wir haben hier einen tüchtigen jungen Mann«, so Müller, »der unsere Stadt mit seinen objektiven Berichten bereichern möchte. Ich begrüße dieses Engagement natürlich und möchte betonen, dass die Stadt der Redaktion alle nur möglichen Hilfen angedeihen lassen wird!«

Mustermann studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Halle (Saale) und war dort auch Mitglied der Studentenzeitschrift Killerkarnickel. Im Januar 2012 zog er nach Berlin, um dort eine Stelle als leitender Redakteur anzunehmen. Den Namen seines Arbeitsgebers verschweigt er. Seit Januar diesen Jahres weilt er in Domlau.

Ich starrte diesen albernen Artikel an. Es gab weder einen Georgsweg 20, noch wusste ich von einem Journalisten, der freiwillig in einer langweiligen Gegend wie dieser sein Quartier aufgeschlagen hätte. Davon abgesehen wirkte der Text, als hätte ein Schülerpraktikant ihn geschrieben. Es war kein Autor angegeben, aber vermutlich hätte der Name mir ohnehin nichts gesagt.

Sollte ich den Domlau Kurier also als schlechten Scherz abtun? Vermutlich hätte ich es getan, wenn ich nicht die Kleinanzeigen auf Seite Sieben gelesen hätte. Darunter war die Folgende:

Übelkeitserregend

Wie mehrere Zeugen berichteten, führte das Unwetter »Clarissa« vor allem bei der holden Damenwelt vermehrt zu Übelkeit und Regelbeschwerden. Juliane G. (36) erzählte, sich in der Nacht im Bad eingeschlossen zu haben, damit ihr Sohn Noah (15) nichts von ihren Brechattacken mitbekäme. Kopf hoch, Noah – deiner Mutter geht es heute schon viel besser!

***

»Was sagst du?«, drängte ich.

Colin legte einen Finger gegen die Lippen. »Hm«, machte er. »Hat deine Mutter sich wirklich heute Nacht im Bad eingeschlossen, um zu kotzen?«

Ich nicke ungeduldig. »Klar. Das ist doch das Gruselige!«

Colin ließ die Zeitung auf die Tischplatte fallen als hätte er sich daran verbrannt. »Und du hast das Ding sicher nicht selbst gebastelt, um mich zu verarschen?«

»Sehe ich so aus?«, fragte ich grimmig.

Er hob entschuldigend die Hände. »Schon gut, ich glaub dir ja, Kumpel. Hast du das hier gesehen?« Er deutete auf eine Kleinanzeige, in der Achim Messerschmidt eine Sammlung alter Schallplatten zum Verkauf anbot.

Ich nickte. »Klar. Bis du endlich da warst hab ich jedes verfluchte Wort dieser Zeitung gelesen. Was hältst du von Mustermann und Müller?«

»Das auf dem Foto ist jedenfalls zweifellos unser Bürgermeisterchen. Ziemlich gute Fotomontage. Oder vielleicht ist das Bild bei irgendeinem Stadtfest aufgenommen worden – oder es ist aus seinem Privatbesitz. Wäre doch möglich.«

Ich war nicht überzeugt. »Aber dann wäre da immer noch die Sache mit meiner Mutter. Selbst wenn das Ganze ein schlechter Scherz ist – woher wusste der Idiot dann, dass meine Mutter sich heut Nacht bekotzt hat?«

Colin zuckte die Achseln, aber ich kannte ihn gut genug – er war genauso verunsichert wie ich. »Hast du das Ding deinen Eltern gezeigt?«

»Spinnst du? Mein Vater würde es verfeuern und nie wieder drüber reden. Und meine Mutter bekäme vermutlich einen Herzanfall, wenn sie befürchten müsste, dass jemand sie beim Kotzen beobachtet hat.«

Er lachte liebenswürdig. »Deine Eltern sind schon echt schräg.«

Ich angelte nach der Zeitung. »Vielleicht sollten wir sie zu Messerschmidt mitnehmen.«

»Meinst du echt?«

»Klar. Vielleicht hat es ja mal einen Domlau Kurier gegeben, vor langer Zeit.«

»Okay. Und bis dahin gehen wir zu mir und trinken einen Kaffee.«

Damit war es beschlossene Sache.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s