Colins Tagebuch – 5 – Das Unwetter

5 – Das Unwetter

Sonntag, 03. Mai 2015

Ich träumte von einem Bombenangriff, der unsere kleine Stadt in dasselbe Nirgendwo verwandelte, das sie umgab. Kleine Geschosse prasselten in regelmäßigen Abständen auf das Dach des Autos, in welches meine Familie sich geflüchtet hatte. Es war stockfinster draußen und ich konnte die am Himmel aufblitzenden Warnleuchten der Kriegsbomber sehen. Meine Mutter sagte gelassen, dass jetzt das Ende der Welt käme und mein Vater fragte, ob noch jemand eine Scheibe Toast wolle. Ich saß zusammengekauert auf der Rückbank und starrte nach draußen, wo Häuser lautlos in sich zusammenfielen und Bäume in Flammen standen.

Beim Erwachen hörte ich noch das gleichmäßige Trommeln des Angriffs. Ehe ich die Augen öffnete, taste ich mit den Händen nach meiner Bettdecke, die sich um meine Beine gewickelt hatte. Erst als ich sicher war, wirklich zuhause im Bett zu liegen, machte ich die Augen auf und tastete nach meinem Handy. Es zeigte vier Uhr siebenundzwanzig.

Das Trommeln hatte noch nicht aufgehört und ich sah mich danach um. Draußen blitzte und donnerte es gewaltig. Meine Mutter pflegte solche Gewitter Weltuntergang zu nennen und ich machte mir keine Gedanken mehr über meinen Traum. Ich stand auf und trat an die unter Hagelkörnern klirrende Fensterscheibe. Der Teppichfußboden kitzelte meine nackten Sohlen und ich bekam eine Gänsehaut an Armen und Beinen.

Der Regen drückte das Gras platt auf den Boden. Die Eiche im Garten sah aus, als tanze sie. Eine zerfledderte Zeitung hatte sich in einem gabelförmigen Ast verfangen. Auf dem Fensterbrett lag eine zentimeterdicke Schicht weißes Pulver, fast wie Schnee.

Nach ein paar staunenden Augenblicken spürte ich den Druck meiner Blase. Ich ging auf den Flur und traf dort auf meine aufgekratzte Mutter, deren schulterlangen Locken wirr um ihr blasses Gesicht hingen. Sie versuchte zu lächeln, aber es wurde nur eine Grimasse daraus. »Was machst du denn hier, Noah? Ein Junge in deinem Alter sollte um diese Zeit im Bett liegen und schlafen!«, sagte sie vorwurfsvoll.

Ich gab die Frage gelassen zurück: »Und du?«, und wie nicht anders zu erwarten winkte meine Mutter ab. Sie war eine realistische Frau und betrachtete mich nicht mehr als ihren kleinen Puppenjungen, mit dem sie nach Belieben verfahren konnte. (Kaffee bekam ich von ihr aber trotzdem keinen.)

Aus dem Badezimmer kam mein Vater und meine Mutter drängte sich sofort an ihm vorbei. Untypischerweise schloss sie hinter sich ab. Ich zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Ihr ist übel. Hast du mal aus dem Fenster geschaut?«, erklärte mein Vater.

»Hm«, sagte ich. »Kommt ganz schön was runter.«

»Kann man wohl sagen. Hoffentlich stürzt uns nichts aufs Dach.« Er schickte sich an, ins Schlafzimmer zurückzukehren. Dann blieb er noch einmal stehen. »Aber merkwürdig ist das schon. Sie hatten im Fernsehen gar nichts von einem Unwetter gesagt.«

Ich zuckte die Achseln und auch mein Vater ging ohne ein weiteres Wort zurück ins Bett. Nachdem meine Mutter endlich die Badezimmertür aufschloss und ich pinkeln gehen konnte, verkroch ich mich ebenfalls wieder unter meiner Decke. Ein paar Minuten später schlief ich.

***

Am Morgen fand ich meinen Vater im Garten, wo er die Hände in die Hüften stemmte und sich kopfschüttelnd den Schaden besah. Unsere große Eiche stand noch, aber das Blumenbeet darunter war nur noch armseliges Gestrüpp. Eine leere Bierdose lag akkurat auf der Mülltonne, als hätte ein besonders seltsamer Künstler sie dort platziert. Unsere Gartenmöbel kauerten wie verängstigte Schafe an der Hauswand. An manchen Stellen war die Farbe abgeplatzt. Die Krönung war ein großes Loch in der Windschutzscheibe unseres Autos.

»So eine Scheiße«, murmelte mein Vater. »Deine Mutter wird uns beiden noch in zwei Wochen vorhalten, dass niemand die Wäsche reingeholt hat.«

Erst jetzt fiel mir auf, dass die Wäschespinne nicht mehr an ihrem Platz stand. Sie war mitsamt unserer Kleidung zu den Nachbarn geflogen.

»Lass uns erst mal frühstücken«, schlug ich vor. »Ehe Mama das hier sieht.«

»Oh, das hat sie bereits. Sie ist rüber zu Caroline, um sich dort nach ihrer Wäsche zu erkundigen.« Mein Vater sah besorgt in den nachbarlichen Garten. »Hoffen wir, dass der gute Jeremy nicht schon den ersten Schnaps hinter sich hat.« Nach einem letzten verstörten Blick ging mein Vater zurück ins Haus. Kurz darauf folgte ich ihm.

***

»Wann wollt ihr zu Herrn Messerschmidt gehen?«, fragte meine Mutter mich, während sie ihr Marmeladenbrot misstrauisch beäugte, unsicher, ob ihr Ärger Appetit zulassen könne.

»Heute Nachmittag. Gegen drei, schätze ich. Warum?«

»Vielleicht könntest du daran denken, unsere Kuchenplatte wieder mitzubringen.« Sie entschloss sich endlich, ihr Marmeladenbrot zu essen. »Und löchre den alten Mann nicht mit Fragen über seine tote Frau. Das gehört sich nicht.«

Ich war ob dieser Ermahnung etwas irritiert, äußerte mich aber nicht weiter dazu.

»Wenn du zurückkommst, wirf doch mal einen unauffälligen Blick auf das letzte Haus im Kirchweg. Da sind gestern neue Leute eingezogen.«

»Wir haben gestern den Sohn kennengelernt«, erzählte ich. »Ziemlicher Freak.«

»Nennt man das heute so?«, fragte mein Vater. »Zu meiner Zeit …«

»Verschone uns, Georg«, fiel ihm meine Mutter ins Wort. »Verschone uns einfach.«

***

Nach dem Essen half ich meinem Vater, den Garten aufzuräumen. Wir machten nicht viele Worte dabei. Aus dem Wohnzimmer konnten wir die Nachrichten verfolgen. Wie es aussah, konnten sich die Meteorologen das plötzliche Unwetter nicht erklären. Man sprach von einem explosiven Hochdruckgebiet, was immer das heißen sollte, und vier Todesopfern. Da der Sturm lokal begrenzt aufgetreten war und nur insgesamt zwei Stunden andauerte, wunderte man sich ausgiebig darüber, dass die Feuerwehr nicht Herr der Lage geworden war.

»Am besten hört man gar nicht auf das, was die da sabbeln«, meinte mein Vater schließlich. Er hantierte mit einer Hacke im Blumenbeet unter der Eiche. »Das war ein heftiges Gewitter, weiter nichts. Früher hat man noch nicht aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht. Oder werde ich einfach nur alt?«

»Du doch nicht, Papa«, erwiderte ich pflichtbewusst. »Aber komisch ist es schon. Es war gar nicht schwül oder so.«

Mein Vater verlor das Interesse an dem Thema. Er brummte Flüche in seinen nicht vorhandenen Bart. Ich legte den Laubrechen zur Seite, um zum Pinkeln ins Haus zu gehen. Dabei kam ich an einem Stück Zeitung vorbei, das sich in den Ästen des Flieders verfangen hatte. Achtlos zupfte ich es ab und wollte es schon zerknüllen, als mein Blick auf die gut leserliche Schlagzeile fiel:

Sturmtief »Clarissa« empört harmlose Bürger einer Kleinstadt

In der Nacht von Samstag zu Sonntag kam es im Norden Brandenburgs zu einem überraschenden Unwetter, bei dem vier Menschen ihr Leben ließen.

Ich blieb stehen. Der Text des Artikels war vom Regenwasser verwischt, aber ich wusste, dass es in der Gegend in letzter Zeit keine vergleichbaren Unwetter gegeben hatte. Unwillkürlich suchte ich nach einem Datum und wurde am oberen Bildrand fündig: Montag, 04. Mai 2015.

Das war morgen.

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