All in

Kürzlich las ich in einem Online-Artikel über ein Interview mit einem Lektor, in dem jener bemerkte, er bekäme viele qualitativ schlechte Manuskripte ungefragt zugesandt, die effektiv keinerlei Chance auf Veröffentlichung hätten. Es sei nun einmal dahingestellt, wie objektiv und aussagekräftig die Meinung eines einzelnen Lektoren ist, denn interessanter als den eigentlichen Artikel fand ich folgenden Kommentar darunter (wie immer anonym):

Für E-Books braucht es keinen, der den Druck finanziert, warum also nicht alles aufnehmen, was Autoren zu schreiben meinen, und den Leser entscheiden lassen, was er lesen will?

Hm. Was will er uns damit sagen? Meint er wirklich, alles sollte eine Chance auf Veröffentlichung im Internet haben, egal, wie ›schlecht‹ es ist? Glaubt er tatsächlich, das täte dem Buchmarkt in irgendeiner Weise gut?

Zuerst habe ich vorgehabt, diesen Artikel unter die Kategorie Was will uns der Autor damit sagen fallen zu lassen, aber dann brachte ich es doch nicht über mich, dieses Zitat einfach sarkastisch in der Luft zu zerfetzen. Der Kerngedanke ist einfach eine Überlegung wert.

Stellen wir uns also einmal vor, alle angehenden Autoren kämen auf die Idee, ihre Manuskripte ohne Lektorat oder irgendwie geartete fachmännische Meinung (!) als E-Book zu veröffentlichen. Sie kopieren einfach ihre Texte in irgendein Kästchen, malen ein hübsches Cover und scannen es ein, um dann mit Photoshop ein paar Korrekturen vorzunehmen und stellen das ganze per Mausklick ins Internet. Mensch, da weiß ich ja kaum, wo ich anfangen soll zu meckern.

Zunächst einmal will ich gar nicht wissen, wie viele Existenzen von gemeinen, unreflektierten Internetkommentaren zerstört werden würden. (Nebenbei bemerkt: manche dieser Kommentare wären vielleicht nicht einmal gemein, sondern nur ehrlich und würden trotzdem den einen oder anderen Traum rettungslos ins Nirwana befördern.)

Als nächstes würde dieses Prozedere den Internet-Buchmarkt wie die Sintflut überschwemmen. Unter zehn Büchern zum Thema Liebe fänden sich plötzlich zwei, die gar nicht wirklich in diese Kategorie gehören, ein wirklich gutes, fünf schlichtweg schlecht geschriebene und der Rest wäre immerhin massentauglich. Wie soll der arme Leser denn da noch entscheiden, was er wirklich lesen will? – Oder anders gesprochen: Wie viele (vor allem junge) Menschen würden abgeschreckt werden, überhaupt zu lesen, wenn sie so oft einen Fehlkauf tätigen?

Dann frage ich mich noch, ob die Literaturkultur nicht völlig den Bach runtergehen würde, wenn wir einfach alles veröffentlichen dürften. Nicht nur wäre der Witz verloren gegangen (hey, wo bleibt der Spaß, wenn ich nicht von Verlag zu Verlag laufen muss und mich einen verdammten Kullerkeks freue, wenn mich endlich jemand nimmt?!), es täte der Qualität als solcher wohl auch nicht gut, wenn man es den Autoren gar zu einfach machte. Ich meine, was soll ich mir hier stundenlang den Arsch abarbeiten, wenn ich im Internet auch meine Einkaufsliste veröffentlichen und dafür Geld verlangen kann – ein paar Idioten werden es schon kaufen.

Von den verloren gehenden Jobs fange ich jetzt nicht an.

Also – wer bewahrt mich vor all dem Schund, der bei einem möglichen All in auf dem E-Book-Markt auftauchte? Es gibt nun einmal Menschen, die keinen geraden Satz zusammenbekommen und trotzdem ihre Memoiren schreiben. Das mag arrogant klingen, aber ich käme auf der anderen Seite nicht mal im Traum auf die Idee, von mir gemalte Bilder zu verkaufen. Ich habe in dieser Richtung einfach kein Talent und aller Spaß an der Sache wird daran nichts ändern.

Liebe Lektoren dieser Welt,

bitte bleibt weiter kritisch. Bitte sorgt weiterhin dafür, dass so viele Manuskripte abgelehnt werden. Bitte lasst eine Veröffentlichung ein Grund zum Feiern bleiben. Ich möchte anstoßen können, wenn ich irgendwann mal das erste Geld an meinem ureigensten Roman verdient habe. Ich will, dass das eine Leistung bleibt.

Mit freundlichen Grüßen, Ihre queen pussel

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6 Antworten auf “All in”

  1. Deine Haltung kann ich gut teilen, nur ist es längst Realität, dass jeder alles jederzeit ins Netz stellen kann (z. B. Neobooks, Amazon) und wenn er mag, gibt es den Text nicht nur als E-Book sondern auch noch gedruckt dazu. Gut daran: Leser haben manchmal andere Erwartungen und Vorlieben als die Literaturkritik. Schlecht, wie Du schon schreibst: In der Masse geht alles unter und wer fischt dann noch die paar dicken Fische aus dem großen Textmeer?

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