Colins Tagebuch – 4 – Lauschbub

4 – Lauschbub

Samstag, 02. Mai 2015

Meine Eltern kamen erst am späten Nachmittag nach Hause. Sie verpassten den leichten Regen um Haaresbreite und meine Mutter fluchte im Hausflur, weil niemand die Wäsche hereingeholt hatte. Mein Vater schaute ins Zimmer und fragte, ob wir genug zu essen abbekommen hätten. Wir nickten pflichtbewusst, obwohl wir erst vor einer halben Stunde jeder eine Pizza verdrückt hatten (was meine Eltern noch am selben Abend herausfanden, aber sie ersparten uns eine Standpauke).

Kaum hatte mein Vater die Tür hinter sich zugezogen, warf Colin seine N-Zone auf den Fußboden und verschränkte die Arme vor der mageren Brust. »Wie kann man sich an so einem Tag über die Wäsche aufregen«, meinte er mit gutmütigem Ärger. »Was meinst du, was Messerschmidt uns geben will?«

»Ach, wahrscheinlich nur seinen alten Plattenspieler oder so was in der Art.« Ich warf meinen Verne zu der N-Zone und stand auf. »Warte mal ‘ne Minute.« Das war Teil unseres persönlichen Codes – es hieß Ich muss mal auf Klo.

Auf dem Weg ins Bad konnte ich meine Mutter seufzen hören. Sie sagte: »Ich habe mir so viel Mühe mit dem alten Mann gegeben, und die Jungs sahnen die Lorbeeren ab. Das ist wirklich nicht fair!«

»Liebling, das steht doch noch gar nicht fest. Bisher hat er doch nur gesagt, dass er ihnen etwas zeigen möchte.«

Offensichtlich würden wir keine Geldzuwendungen vom alten Messerschmidt bekommen, obwohl meine Mutter extra eine Beerdigung für ihn geschmissen hatte. Ich konnte irgendwie keine Traurigkeit darüber empfinden und ging fröhlich grinsend auf die Toilette. Auf dem Rückweg hatten meine Eltern ihr Gesprächsthema geändert.

»Pfarrer Dorsch hat mir davon erzählt. Sie sollen auch einen Sohn in Noahs Alter haben.«

»Woher kommen sie?«, wollte meine Mutter wissen.

»Keine Ahnung. Dorsch hat nur behauptet, dass das komische Leute wären – sie Hausfrau, er Frührentner, und dann einen Sohn, der erst fünfzehn oder so ist.«

»Nun, wahrscheinlich hat die Frau zuerst eine ordentliche Karriere hingelegt, ehe sie sich ans Eingemachte gewagt hat.«

Ich war in der offenen Zimmertür stehengeblieben und Colin trat leise neben mich.

»Wohl kaum. Sie soll eine Lehrerin gewesen sein. Das sagt wohl zumindest der Makler.«

»Woher kennt der gute Herr Pfarrer eigentlich diesen Makler?«

»Sein Sohn wird nächste Woche hier getauft, weil seine Frau die Kirche so schön gefunden hat, als sie mit dem Fahrrad hier vorbeigekommen sind.«

Meine Mutter lachte und es klang erschöpft. »Der Dorsch. Na, vielleicht findet Noah in diesem Sohn ja einen Freund. Ein bisschen mehr Kontakt mit anderen Jungen täte ihm nicht schlecht.«

Das war unser Stichwort und wir zogen uns zurück. Ich konnte darauf verzichten, mir anzuhören, wie sich meine Mutter über meinen kleinen Freundeskreis beklagte.

***

Der Rest des Tages verlief ziemlich ereignislos. Wir setzten uns pünktlich um dreiviertel acht an den Küchentisch und nahmen ein schweigsames Abendbrot zu uns, danach verschwanden meine Eltern ins Wohnzimmer, um sich irgendeinen langweiligen Fernsehfilm anzuschauen. Colin und ich überlegten, einen Spaziergang zum Bolzplatz zu machen, aber meistens traf man dort auch auf Plattnase, deswegen ließen wir es sein. Seit der letzte gute Fußballspieler im Alter von dreiunddreißig Jahren weggezogen war, gab es sowieso nichts aufregendes mehr zu sehen.

Stattdessen zerbrachen wir uns den Kopf darüber, was der alte Messerschmidt uns zeigen wollte. Es war ein normaler Abend nach einem mehr oder weniger normalen Tag. Colin wäre damals nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, Tagebuch zu führen – er hielt das eigentlich für eine ziemlich bescheuerte und mädchenhafte Sache.

Nachdem Colin gegangen war, setzte ich mich zu meinen Eltern vor den Fernseher. Während der Werbepausen unterhielten sie sich über das unmögliche Outfit von Frau Kramer, über die Predigt von Pfarrer Dorsch und über ein Mädchen namens Michaela, deren Mutter angeblich zu viel Bier getrunken hatte. Ich hörte ihrem Geläster nur mit halbem Ohr zu. In Gedanken war ich bei einem hellhäutigen Jungen mit schulterlangen weißen Haaren, der mich aus funkelnden Augen anstarrte und sagte: Mit einem y.

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