Liebes Tagebuch,

lass mich dir eine einfache Frage stellen: Warum genau habe ich dich eigentlich?

Mir fällt dazu eine Passage aus Susan Kays Phantom ein, in der es heißt:

Dies ist kein Tagebuch – nicht im üblichen Sinne des Wortes. Ich habe nicht die Absicht, mich jeden Tag gewissenhaft hinzusetzen und in ermüdenden Details aufzuzeichnen, was ich zum Frühstück gegessen habe, welches Kleid ich bei meiner Näherin bestellt habe oder wer auf der Probe was zu wem gesagt hat. Sicher ist es der Gipfel der Eitelkeit, wenn man annimmt, irgend jemand wolle in hundert Jahren etwas über unser unwichtiges kleines Leben lesen.

Susan Kay, Das Phantom. S. Fischer Verlag, 2. Auflage Juli 2006, Seite 304

Mein erstes Tagebuch habe ich ungefähr kurz nach der Jahrtausendwende geführt, in der dritten oder vierten Klasse. Darin steht zum Beispiel, wer auf welchem Platz gesessen hat, welche Noten ich bekommen habe. Oder was ich zum Geburtstag bekam, welche Streitigkeiten ich ausfocht, welche Bücher ich las.

Später wurden meine Aufzeichnungen sporadischer, hatten aber meistens immer noch zum Thema, was in meinem Leben passierte – seien es Theaterauftritte, Wutausbrüche, Hoffnungen oder Schwärmereien für Orlando Bloom. Ich glaube, ich versuchte sogar, Gedichte zu schreiben, aber vermutlich mit eher mäßigem Erfolg.

Auch jetzt noch bin ich im Besitz eines Tagebuchs, in das ich aber bereits seit mehreren Jahren nur noch in großen Abständen – das können ein paar Wochen oder auch ein halbes Jahr sein – schreibe. Wenn ich es überhaupt tue, dann aus einem gewissen Bedürfnis heraus, etwas festzuhalten, aber ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, die damit wirklich ihre Gedanken klären können. Dafür schreibe ich zu langsam. Ein Tagebuch am Computer zu führen, erscheint mir aber wiederum als nicht das richtige.

Wie dem auch sei, ich begann mich – vielleicht nach der Lektüre von Kays Phantom – zu fragen, wofür ein Mensch eigentlich Tagebuch führt oder warum ich damals damit angefangen habe. Nun, ich denke, es war eine Art Gruppenzwang. Keine Ahnung, ob ich Tagebücher als Kriterium für Künstler ansah, oder als Zeichen von Erwachsensein, oder als wichtiger Teil eines erfüllten Lebens. Jedenfalls begann ich damit und habe mich irgendwie nicht vollständig davon lösen können, obwohl ich für mich keinen rechten Sinn darin sehe.

Im Grunde kann es doch nur zwei Ziele geben: entweder geht man davon aus, dass irgendjemand später lesen über das eigene Leben lesen will, oder man schreibt Tagebuch, um die eigenen Gedanken zu ordnen und sich selbst zu beweisen, dass man noch Herr der Lage ist.

Was aber ist mit den eingeklebten Kino-Eintrittskarten, Fotos, gepressten Pflanzenblättern, Broschüren und dem ganzen anderen Zeug? Wie kommt man auf den Gedanken, man wolle sich das später wirklich noch einmal ansehen? Warum hebt man sowas auf? (Und erzählen Sie mir nicht, ich wäre der einzige junge Mensch, der seine erste Eintrittskarte ins Legoland aufgehoben hat.)

Nun, das bringt uns zur Frage der Vergänglichkeit, nicht wahr? Denn schließlich ist ein Tagebuch, gefüllt mit Eintrittskarten, Lageplänen, handgeschriebenen Notizen und verblichenen Fotos nichts weiter als Erinnerung, die Vergangenes zutage fördern soll und einem das Gefühl gibt, die Zeit nochmal zurückdrehen zu können. Oder anders ausgedrückt – Tagebücher sind sentimentales Zeug, wenn man nicht gerade einen Mord zu beichten hat.

In der Literatur haben die Schreibenden eine Geschichte zu erzählen, aber der Normalverbraucher wird sich schwer tun, seinen eigenen Alltag jeden Tag so spannend gestalten zu wollen, dass es lesenswert wäre. Spannung liegt in Entwicklung und in der Kunst, an den richtigen Stellen vor- oder rückwärts zu springen. Solche Möglichkeiten bietet das Leben nun einmal nicht, wenn man nicht gerade Hellseher ist.

Schlussendlich sind Tagebücher also sentimentales Getratsche über die guten alten Zeiten, selbst wenn man erst in den Zwanzigern steckt und sich noch jung und voller Elan fühlt. Ach, ich werde pathetisch – ich glaube, so sind auch meine letzten Tagebücher geschrieben, was Grund genug ist, jeden potentiellen Leser davon fernzuhalten. Ich werde mich also bei der Veröffentlich auf fiktive Tagebücher beschränken. Versprochen!

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2 Antworten auf “Liebes Tagebuch,”

  1. Ich habe früher auch ein Tagebuch geführt. Dort ging es auch um richtig banale Dinge. Naja, oder eben um Dinge, die man nunmal als Kind in ein Tagebuch hineinschreibt. Die Phase mit den langen Pausen hatte ich auch. Die längste ging, glaube ich, über zwei Jahre. Dann kam aber auch eher eine platte Situationsbeschreibung dabei heraus. Die letzte Pause begann dann wohl vor circa fünf Jahren und hält noch immer an.^^
    Für mich war das Tagebuch nie etwas, in dem ich Erinnerungen aufbewahren wollte. Dafür hatte ich tausende Stapel und irgendwann eine grün-grün gestreifte Kiste. Diese schau(t)e ich dann in regelmäßigen Abständen durch und schwelge in Erinnerungen. Doch das ist nicht schlimm, denke ich. Ich konnte mir ein Lächeln auch nicht verkneifen, als ich gerade etwas von „Orlando Bloom“ las – die guten alten Zeiten. 😉

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