Colins Tagebuch – 3 – Der Neue

3 – Der Neue

Samstag, 02. Mai 2015

Vor der Nummer 9 stand immer noch der Umzugswagen. Wir verlangsamten automatisch unsere Schritte, um einen guten Blick auf das Geschehen zu haben, solange es möglich war. Das Haus hatte ziemlich lange leer gestanden. Ein Verwalter hatte die nötigen Reparaturen vorgenommen, aber der Garten war ein unkrautüberwuchertes Desaster, wie meine Mutter sich auszudrücken pflegte. Wir mussten einander nicht sagen, dass wir vor Neugier auf die neuen Besitzer fast platzten.

Gerade als wir den Umzugswagen passierten, ging die Haustür auf. Die Frau im Hosenanzug und der Mann mit der blauen Latzhose traten heraus. Er schüttelte ihr die Hand und verabschiedete sich. Wir blieben stehen, vorgeblich, um ihm nicht beim Ausparken im Wege zu sein. Der Mann grinste wissend.

Colin stieß mir einen Ellenbogen in die Rippen. »Hey, sie schaut zu uns rüber. Winken wir?«

Wir taten es. Die Frau schien einen Moment lang zu überlegen, dann kam sie plötzlich auf uns zu. Ihr grauer Hosenanzug war zerknittert, ihre kurzen dunklen Haare zerzaust. Sie hatte Krähenfüße und lackierte Fingernägel. Plötzlich gab ich die Hoffnung auf, diese Frau könne Kinder in unserem Alter haben.

»Na, wer seid ihr denn?«, begrüßte sie uns. »Wohnt ihr hier in der Gegend?«

Ich dachte, dass das eine blöde Frage war, sagte aber artig meinen Namen. Colin ebenfalls. Dann bestätigten wir, ein paar Straßen weiter zu wohnen.

»Leider kann ich euch nicht hereinbitten«, sagte sie freundlich. »Da drin herrscht ein ziemliches Chaos. Aber ich werde Kay herausschicken, dann kann er euch Hallo sagen.« Sie lächelte noch einmal und kehrte ins Haus zurück. Mir fiel auf, dass sie Turnschuhe trug, die nicht zum Rest ihres Outfits passten.

»Wie ist die denn drauf?«, fragte Colin. »Und wer ist Kay?«

»Keine Ahnung. Hauen wir ab.«

»Nein, das ist unhöflich.«

Also blieben wir. Kay ließ sich Zeit. Wir setzten uns an den Rand der Straße ins Gras und rupften Löwenzahn heraus. Endlich hörten wir Schritte. Wir drehten uns um und starrten ihn mit offenem Mund an.

Auf dem Rasen im Vorgarten stand ein schmächtiger, etwas kurz geratener Junge, etwa in unserem Alter. Er hatte die Hände in die Hosentaschen seiner Jeans gestopft und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift Du kannst mich mal. Seine Haut war beinahe unnatürlich bleich, was noch betont wurde durch seine langen, weißen Haare, die ihm offen über die Schultern fielen.

»Bist du … Kay?«, fragte Colin langsam.

Der andere nickte. »Kay. Mit einem y.«

Ohne Scheiß – das waren seine ersten Worte an uns.

Wir starrten ihn noch ein bisschen an, aber wenn man fünfzehn ist, erholt man sich ziemlich schnell von einem derartigen Schock. Ich stand zuerst auf und streckte dem Neuen meine Hand hin. »Ich bin Noah. Freut mich, dich kennenzulernen.«

Kay sah meine Hand an, als wäre sie ein spannendes Insekt, ehe er sie ergriff und fest schüttelte. »Meine Mutter meinte, ich solle euch kennenlernen. Sie will, dass ich Freunde finde.«

»Das war deine Mutter?«, fragte Colin ungläubig.

»Klar«, erwiderte Kay gleichmütig und ließ meine Hand los. »Warum nicht?«

Colin war verlegen und ich rettete ihn, indem ich auf das Haus wies. »Da kommt eine Menge Arbeit auf euch zu. Das Haus hat jahrelang leer gestanden. Bestimmt sechs Jahre oder so.«

Er nickte. »Ich weiß.«

Verlegen standen wir herum.

»Ich würde jetzt gern weiter meine Sachen auspacken, wenn ihr nichts dagegen habt. Wir sehen uns wohl spätestens am Montag in der Schule.«

»Äh, ja, klar«, sagte ich. Colin saß immer noch am Straßenrand. Kay steckte die Hände zurück in die Hosentaschen und drehte sich um. »Macht‘s gut, Noah und Colin.« Dann stapfte er ins Haus und warf die Tür hinter sich zu.

***

Wir gingen schweigend den Weg zum Gemeindehaus hinunter. Mittlerweile hörten wir das Schnattern und Brummen der Trauergäste, die vom Friedhof kamen. Ein kleines Mädchen in einem dunkelblauen Kleid überholte uns, streckte im Vorbeilaufen die Zunge heraus und grinste frech.

»Das ist vielleicht ein komischer Vogel«, sagte Colin. »Hast du seine Haare gesehen?«

»Blöde Frage. Als könnte man die nicht sehen«, erwiderte ich. »Seine Mutter sieht eher wie seine Oma aus.«

»Er ist nur zu uns rausgekommen, weil seine Mutter das so wollte«, stellte Colin fest und klang dabei wie ein nachdenklicher Polizeikommissar aus dem Fernsehen. Ich nickte dazu und dachte, dass das wieder eine Feststellung war, die man nur von Colin zu hören bekam.

Im Gemeindehaus hatte man eine lange Tafel aufgestellt, an der schon einige Männer saßen und Bier tranken. Vor dem Frauenklo hatte sich eine Schlange gebildet. Zwei Kinderwagen mit brüllenden Kleinkindern standen neben dem kalten Büfett. Wir nahmen uns einen Teller und häuften Nudelsalat, Buletten und Ketschup übereinander. Es gab Cola und Apfelsaft für die Kinder.

Der Kindertisch war relativ leer, weil die meisten kleinen Kinder lieber auf Mamas Schoß sitzen wollten. Colin und ich waren für uns, bis ein pickliges Mädchen von zehn oder elf Jahren dazukam und uns fragte, ob wir den alten Messerschmidt auch so unheimlich fänden. Wir schüttelten stumm die Köpfe und sie sagte nichts mehr.

Plötzlich stand der Witwer leibhaftig neben dem Tisch. »Habt ihr alles, was ihr braucht, Kinder?«, fragte er freundlich.

»Natürlich, Herr Messerschmidt«, antwortete ich. Er lächelte und ging.

Colin sagte: »Er sollte nicht herumgehen und den Gastgeber spielen müssen. Er sollte sich hinsetzen und einen Schnaps auf seine tote Frau trinken.«

»Und auf die Leute scheißen, die nur sein Geld wollen«, fügte das picklige Mädchen hinzu und wir standen auf, um das Gemeindehaus zu verlassen.

***

»Kommst du mit zu mir?«, fragte ich Colin, als wir auf der Straße standen.

»Klar«, sagte er. »Hast du Chips?«

Ich nickte. Wir wollten uns losmachen, da klappte die Tür vom Gemeindehaus.

»Hey, Jungs!«, rief jemand mit zittriger Stimme. »Wartet mal!«

Wir drehten uns zu dem alten Messerschmidt um. Er hatte sein Jackett abgelegt und seinen Gehstock verloren. Neben uns angelangt lächelte er freundlich. »Ihr seid Bergmann und Graf, richtig?«

Wir nickten.

»Eure Mütter haben mir bei den Vorbereitungen für die Beerdigung geholfen. Deswegen lade ich euch in mein Haus ein. Ich habe da etwas, das solltet ihr euch mal ansehen.«

»Was denn?«, fragte ich.

»Das ist eine Überraschung«, sagte der alte Messerschmidt. »Vielleicht ist das gar nichts mehr für Kinder in eurem Alter, aber vielleicht wollt ihr es auch haben. Wie wäre es mit Morgen Nachmittag?«

»Okay«, sagte ich, und an Colin gewandt: »Oder?«

»Klar.«

»Gut, dann ist es beschlossene Sache. Ich freue mich. Bis morgen!« Er hob die Hand zum Gruße und humpelte zurück ins Gemeindehaus.

»Heut ist der Wurm drin«, meinte Colin. Dann gingen wir, um bei mir zu Hause Chips zu futtern und Comics zu lesen. So waren wir drauf – unglaublich, was?

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s