Über Namensgebung – Teil 2

Nachdem wir nun geklärt haben, dass ich nicht erklären werde, warum Colins Tagebuch so heißt, wie es eben heißt, können wir uns dem zweiten Teil der ganzen Angelegenheit zuwenden, der sich damit beschäftigt, was für Namen man einem Buch denn so geben kann.

Der Sinn und Zweck eines Titels besteht vorrangig darin, die Neugier zu wecken. Ferner dient er der Identifizierung eines Werkes und fasst – in manchen Fällen – die Handlung auch ganz gut zusammen. Deswegen muss er aber noch lange nicht eindeutig sein. Bei Artikel- oder Kapitelüberschriften bietet es sich hingegen an, etwas eindeutiger zu formulieren – es sei denn, Mehrdeutigkeit, scheinbare Sinnlosigkeit oder Ähnliches gehören zum Konzept.

Ich unternehme einmal den kühnen Versuch, die Titelgebung von Romanen in vier große Kategorien einzuteilen.

Die erste Kategorie umfasst Werke, deren Titel aus einem irgendwie gearteten Namen (oder einer Bezeichnung) besteht. Diese beziehen sich meist auf eine im Buch wichtige Figur oder einen wichtigen Gegenstand. Beispiele dafür sind Süßkinds Das Parfum, Kings Christine und Der Kleine Prinz von Saint-Exupéry. Von solchen Werktiteln gibt es meiner Ansicht nach die meisten.

Kategorie Zwei. Hier haben wir die etwas abstrakteren Titel, deren Intention jedoch immer noch sehr eindeutig ist. Sie umfassen vor allem Eigenwörter und Metaphern, aber auch klangvolle Wortgruppen. Hier haben wir also zum Beispiel Ziemlich beste Freunde von Pozzo Di Borgo, Michaelsens Flüsterkind und Tolkiens Das Silmarillion. Bei dem zuletzt genannten kann es sich (sozusagen wahlweise) auch um ein Beispiel der Kategorie Vier handeln, denn Eigenwörter können zuweilen auch als abstrakt aufgefasst werden.

Zu meinen beiden Lieblingskategorien kommen wir aber jetzt erst. Kategorie Drei beinhaltet jene Bücher, deren Titel schon beinahe eine Geschichte für sich sind, oder welche explizit auf eine solche hinweisen. Am einfachsten erklärt sich das am Beispiel. Denken Sie an Jonassons Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, an Endes Die unendliche Geschichte oder an Sonnenblicks Wie ich zum besten Schlagzeuger der Welt wurde – und warum. Märchen sind oft nach diesem Prinzip benannt, wie beispielsweise Andersons Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Recht selten finden sich hingegen die der Kategorie Vier angehörenden abstrakten Titel, bei denen man das Buch einfach lesen muss, um einen Sinn darin zu finden. Trotzdem kann ich natürlich auch hier mit einem Beispiel glänzen – Di Fulvios Das Kind, das nachts die Sonne fand, Harris‘ Das Schweigen der Lämmer oder Shining von King (wobei das nun auch wieder Kategorie Zwei sein könnte).

Falladas Jeder stirbt für sich allein ist vermutlich ein Grenzfall zwischen Drei und Vier.

Selbstverständlich erheben diese Gruppierungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Ihnen noch eine fünfte einfällt, lassen Sie es mich wissen!

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5 Antworten auf “Über Namensgebung – Teil 2”

  1. Ich wäre ja nie auf die Idee gekommen, Büchertitel einzuteilen. Aber es klingt alles dennoch sehr schlüssig.

    Bei Kategorie 1 musste ich an die Erdbeerpflücker-Reihe denken. U know 😉

    Kann es aber sein, dass sich Titel der Kategorie 3 in letzter Zeit sehr häufen? Seit dem Hundertjährigen bemerke ich solche Titel zumindest erst. Was denkst du dazu?

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    1. Ich habe mich bei der Suche nach Beispielen an mein eigenes Bücherregal gehalten und dort tatsächlich größtenteils Bücher neuen Datums, also so ab 2000 gefunden. Im Moment scheint es so eine Modeerscheinung zu sein, Bücher so zu betiteln, dass allein die Länge Aufmerksamkeit erregt. Meiner Meinung nach wird sich das aber nicht lange halten – solche Titel sind nämlich eine Kunst für sich, und wenn erstmal die weniger begabten Autoren anfangen, ihren Senft dazuzugeben (weniger begabt, was solche Titel angeht), wird die Sache langsam wieder abflauen. Aber das ist natürlich eine sehr unfundierte Meinung meinerseits 🙂

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      1. Eine Meinung, die ich teile. Ab und an habe ich mich jetzt schon gefragt, wie man auf solch wirklich idiotische Titel kommt. Ich habe hierfür allerdings kein Beispiel parat^^

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