Colins Tagebuch – 1 – Der erste Morgen

Teil Eins

1 – Der erste Morgen

Samstag, 02. Mai 2015

Mein Vater trug bereits beim Frühstück seinen schwarzen Anzug. Seine Augen waren vom Zigarettenrauch gerötet. Er stieß zweimal den Zuckerstreuer um und meine Mutter warf ihm vor, heute besonders tollpatschig zu sein. Mein Vater nickte daraufhin nur und streute Salz in seinen Kaffee, was er aber nicht weiter zu bemerken schien, jedenfalls trank er die Tasse in einem Zug leer.

Ich saß still auf meinem Platz, die Haare noch ungekämmt, in einer nagelneuen Boxershorts, vor mir eine Schale matschiges Müsli. Mir war übel, ich wollte ebenfalls einen Kaffee – den ich bei meinen Eltern nicht bekam – und ich hatte keine Lust auf das, was heute anstand. Genervt rührte ich in meinem Müsli herum, bis meine Mutter mir die Schale wegnahm. »Geh und wasch dich«, sagte sie. »Sieh zu, dass du um halb zwölf zur Stelle bist, wir wollen nicht zu spät kommen, okay?«

Ich nickte. »Okay.«

Meine Eltern ihrem Schweigen überlassend tappte ich in mein Zimmer. Dort erwog ich, mich ins Bett zu legen und den Vormittag einfach zu verschlafen, aber meine gute Erziehung siegte. Also nahm ich seufzend mein Handtuch vom Schreibtischstuhl und ging ins Bad. Ein Blick in die Küche zeigte mir dabei, dass meine Eltern noch immer schweigend am Tisch saßen. Mein Vater rauchte nicht mehr, er starrte in seine Kaffeetasse. Meine Mutter tat, als lese sie Zeitung.

Unter der Dusche wurde ich soweit wach, dass ich den Zeigern der analogen Uhr an der Wand verzieh, dass sie sich vorwärtsbewegt hatten und mich unerbittlich näher an die Farce herantrugen, die sich hierzulande Beerdigung schimpfte. Ich trocknete mich ab, schlüpfte wieder in meine Unterhose und trat auf dem Flur in die kalte Zugluft der weit geöffneten Haustür. Meine Mutter unterhielt sich mit Frau Krupp von nebenan.

»Es ist einfach schrecklich!«, sagte Frau Krupp gerade. »Er sieht aus wie der Tod auf Latschen. So geht das doch nicht!«

»Es wird schon gehen«, erwiderte meine Mutter gelassen. »Und wenn nicht, wird seine Tochter sich schon um ihn kümmern. Mach du dir mal keine Gedanken, Caro.«

Die beiden würden jetzt vermutlich dort stehen, bis meiner Mutter siedend heiß einfiel, dass sie noch Jeans und T-Shirt trug, also ging ich fröstelnd in mein Zimmer. Mein Anzug lag auf dem Bett ausgebreitet und ich verzog das Gesicht. Ich sah darin so scheußlich aus, wie ein Fünfzehnjähriger im Anzug nur aussehen kann. Aber es half eben nichts.

***

Wenn das möglich war, so sah Colin noch bescheuerter aus als ich. Er trug ein tapferes Grinsen zur Schau und seine Füße steckten in zu großen Schuhen, aus denen er bei jedem Schritt herauszugleiten drohte. Seine schwarze Mähne (wie meine Mutter sie nannte) war zu einem Zopf gebändigt worden, mit dem er irgendwie erwachsener aussah. Er hob grüßend die Faust und ich knallte die meine lasch dagegen.

»Schau nicht so«, meinte er. »Sie war alt genug, sagt meine Mutter.«

»Das Hemd kratzt mich, es soll regnen und alle werden heulen wie die Schlosshunde. Ich hab da keinen Bock drauf«, entgegnete ich und er nickte betrübt.

»Ja, es wird ziemlich scheiße werden. Keiner mochte sie, aber alle werden da sein und in ihren Sarg gaffen als wäre er ein Zoogehege.«

Diese Vorstellung belustigte mich irgendwie und ich lachte, was mir einen bösen Blick meiner Mutter einbrachte, die einige Schritte vor uns ging. Aber sie dachte sich ihren Teil.

»Meinst du, es gibt Fleisch zum Mittag? Sie war doch Vegetarierin.«

»Wenn sie in dem Alter freiwillig auf Fleisch verzichtet, ist sie selbst schuld – sagt meine Mutter.« Ich zucke die Achseln. »Aber frag mich nicht, was das für uns heißt.«

Colin versank in tiefes Schweigen, was bei ihm nicht allzu ungewöhnlich war. Wir schlichen hinter unseren schwatzenden Müttern die Dorfstraße hinunter, während unsere Väter bereits vorauseilten. Am Gemeindehaus hatte sich eine Menschentraube gebildet, die verdammt unheimlich aussah – Männer und Frauen in schwarzen Anzügen und Kleidern, manche gar mit albernen Hüten und Schleiern vorm Gesicht. Manche hatten Regenschirme dabei, mit denen sie beim Reden in der Luft herumfuchtelten. Ein Mann saß im Rollstuhl und trug einen Bilderrahmen auf dem Schoß.

»Sie sehen aus, als wollten sie sich gleich dazulegen, findest du nicht?«, fragte Colin mich düster. »Ich hasse das.«

Ja. Ich hasste es auch.

***

An die fünfzig Menschen machten sich vom Gemeindehaus aus auf den Weg zur Kirche. Die meisten unterhielten sich angeregt. Colin und ich ließen uns zurückfallen, bis wir unsere Eltern aus dem Blick verloren. Meine Schuhe drückten und mir war wieder übel.

»Schau mal«, meinte er plötzlich und deutete auf der Straße einem großen Laster hinterher. »Das war ein Umzugswagen.«

»Meinst du, die alte Messerschmidt nimmt noch ein paar Möbel mit ins Grab?«

Er lachte, aber es klang etwas erstickt. »Wahrscheinlich.«

Wir hielten die Augen offen. Vom Bolzplatz drang das Grölen einiger Jugendlicher herüber. Sehnsüchtig dachte ich daran, hinunter zu laufen und ihnen zuzusehen. Stattdessen ging ich einem Übelkeit erregenden Schauspiel entgegen.

»Da«, sagte Colin und deutete auf das letzte Haus in der Straße. »Da zieht wohl jemand ein.«

Wir gingen an dem Umzugswagen vorbei. An der Haustür standen ein Mann mit blauer Latzhose und eine Frau im Hosenanzug. Sie schloss auf und die beiden verschwanden im Inneren.

»Wer das wohl ist.«

»Deine Mutter wird es bald wissen«, sagte ich mit liebevollem Spott. Er grinste.

»Ja, wahrscheinlich. Na komm schon, wir fallen zurück. Bringen wir die Show hinter uns.«

Wir rannten, um zu den anderen Trauergästen aufzuholen, die schon einige Meter Vorsprung gewonnen hatten.

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