Der Wert des Wortes

Genaugenommen kann ich mich gerade kein bisschen entscheiden, worüber ich schreiben möchte – über Buchpreise oder über Regale voller Universen. Vermutlich werde ich über kurz oder lang also beides ansprechen, möchte aber mit dem lieben Geld anfangen (und über die Unterbringung der erworbenen Medien sprechen wir an anderer Stelle).

Stellen Sie sich einen Raum vor, nicht allzu groß, aber auch nicht gerade klein, vollgestellt mit Regalen, in denen sich Bücher an Bücher reihen, alles Spenden aus Haushaltsauflösungen, entrümpelten Dachböden, aus verstorbener Großeltern Häuser … Jedes Buch – mit Ausnahme einiger Fachbücher – kostet einen Euro, welcher der Stadtbibliothek zugutekommt. Was würden Sie an meiner Stelle tun? – Richtig, eine Bank ausrauben und den Laden leerkaufen.

Naja, aber im Knast soll das Essen nicht so gut sein, also lasse ich das mit der Bank und trage mein Geld in Etappen zum Bücherbasar. Vor einiger Zeit unterhielt ich mich dort mit einem der ehrenamtlichen Mitglieder und fragte ihn, ob ich eine Chance hätte, hier Shelleys Frankenstein zu finden. Er verneinte. »Das meiste hier sind natürlich 0-8-15-Bücher. Die wertvollen Sachen versuchen wir an Antiquitätenhändler zu verkaufen (von denen Sie hier in Halle übrigens keine finden werden).« Okay, Frankenstein kann ich also vermutlich schon mal abhaken, obwohl ich irgendwann auch mal eine schöne alte Ausgabe von Dracula fand, die vermutlich einem Sortierer zwischen die 0-8-15-Bücher gerutscht ist.

Mein Gespräch ging aber noch weiter. Der gute Mann und ich teilten die Auffassung, dass ein Euro für ein Buch einfach zu wenig ist – manche dieser Bücher sind nagelneu, vermutlich nur einmal gelesen. Die Autoren wollen ja schließlich auch Geld verdienen – was sie mit diesen Büchern allerdings bereits getan haben, denn es handelt sich ja um Spenden von (größtenteils) Privatpersonen, also Leuten, die die Bücher irgendwann mal im Laden gekauft haben.

Und damit sind wir bei dem schönen Wort Buchpreisbindung. Heißt: ein Buch kostet überall gleich viel, egal ob im Buchladen gegenüber, im großen Buchmarkt oder im Internet. Eine tolle Sache. Natürlich bleibt es nicht aus, dass ein Buch auch mal teurer wird, als es sein müsste, weil ein großer Name draufsteht – King, Rowling, Tolkien.

Soweit, so gut.

Nun gibt es aber seit einigen Jahren die – von mir ehrlich gesagt leicht verhassten – E-Books und damit einen furchbaren Trend, der sich Selfpublishing nennt. Warum ich E-Books nicht leiden kann, darüber lasse ich mich wohl an anderer Stelle aus, sonst wird das hier zu voluminös. Fürs Erste stimmen Sie mir doch aber gewiss zu, dass es mit selbstverlegten Büchern im Internet plötzlich ganz einfach ist, Bücher kostenlos oder zu geringen Preisen anzubieten.

Es ist nicht meine Absicht, Ihnen jetzt die Vor- und Nachteile des Internets in Bezug auf Buchpreise darzulegen, dazu habe ich mich mit der Materie zu wenig beschäftigt. Mir geht es um die Sache an sich – da schreiben Leute ein Buch, stellen es kostenlos als E-Book ins Internet (ohne große Produktionskosten) und andere Leute kaufen das.

Dabei entstehen meiner Meinung nach zwei Probleme. Nummer Eins – es wird jede. Menge. Schrott produziert.

Nummer Zwei – das kostenlose Veröffentlichen des geschriebenen Wortes im Umfang eines Romans von mehreren hundert Seiten impliziert, dass die Arbeit, die hinter dem Suchen nach dem richtigen geschriebenen Wort steckt, nichts wert ist, oder zumindest nicht genug, um dafür Geld zu verlangen. Warum soll ich das, was ich mühsam erarbeitet habe, in der heutigen Welt einfach so auf den Markt schleudern? Warum soll das, wofür ich stundenlang gerungen habe, für einen Appel und ein Ei weggehen, wenn in der Kunst Bilder mit drei schwarzen Strichen Millionen machen? (Okay, ich gebe zu, der Vergleich hinkt. Aber was heute moderne Kunst ist … ich schweife schon wieder ab.)

Verstehen Sie, was ich Ihnen zu sagen versuche?

Also, wenn Sie das nächste Mal im Laden ein Buch mit sechshundert Seiten in der Hand halten, das fünfundzwanzig Euro kostet, lächeln Sie darüber und denken Sie an den Autor, wie er bei gefühlten vierzig Grad Hitze in seinem Arbeitszimmer sitzt, sich die Haare rauft und Mozart auf volle Lautstärke dreht, damit Sie eines fern erscheinenden Tages im Liegestuhl oder in der Badewanne über einen Witz lachen können, dessen Pointe mehrere Stunden Arbeit in Anspruch genommen hat.

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