Stumme Welt

Der folgende Text entstand ungefähr 2011 (wenn man dem letzten Änderungsdatum glauben darf), also noch zu meinen Schulzeiten. Ich schrieb ihn aus dem Bauch heraus, ohne besonderen Anlass, und legte ihn wohl auch meinem Tutor und ehemaligen Deutschlehrer vor. Aus heutiger Sicht sind einige Anmerkungen notwendig, die Sie dann unter dem Text finden.

 

Der Mensch hebt sich vom Rest der Lebewesen ab, weil er in der Lage ist zu denken. Er kann logische Schlussfolgerungen ziehen, kann Gedanken verknüpfen, kann neue Gedanken herleiten, kann Lösungsvorschläge machen, kann Abwägen und Vergleichen, der Mensch ist zu einem komplexen Denken in der Lage. Und er hat eine Fähigkeit erlernt, die den Tieren fremd ist: er kann sprechen. Er findet sich in einem Labyrinth aus grammatischen Regeln, Rechtschreibung und Ausspracheregeln zurecht, er kann sogar andere Sprache erlernen. Mit dieser eigentlich überwältigenden Fähigkeit ist er zu einem intelligenten Wesen geworden. Sprache ist Ausdruck unseres Innenlebens, unseres Charakters, unserer Kultur.

Über Jahrtausende hat sich unsere Sprache weiterentwickelt, hat neue Formen angenommen und ist komplexer geworden. Sie hat sich verändert, verbessert und verschlechtert, hat an Vielfalt zugenommen. Ich frage also, warum wollen wir einen Schritt zurückgehen? Warum wollen wir den kostbaren Schatz, den die Natur uns gegeben hat, wegwerfen?

Warum verwenden wir statt »eigentlich« nur noch »eig«, statt »vielleicht« nur »vllt«, warum wollen wir niemandem mehr sagen »ich hab dich lieb« sondern schreiben »hdl«, warum können wir unsere eigene Sprache nicht mehr und verwenden »wie« anstelle von »als«, warum sind wir so oft nicht in der Lage, die Zeitformen unsere Muttersprache zu bilden, warum beherrschen so viele von uns die deutsche Rechtschreibung nicht mehr?

Und wir verstümmeln unsere Sprache nicht nur, wir vermischen sie auch. Wir nutzen englische Wörter, wenn es doch eine gute deutsche Entsprechung gibt. Und wir sind sogar so frech, diese geklauten Wörter auch noch zu verkürzen: so lese ich auf der Toilette in der Schule nicht »Herbie, wir lieben dich«, sondern »Herbie, we love u«.

Woher kommt dieser Drang, Wörter zu verkürzen, sowohl im Schriftbild als auch im alltäglichen Gespräch? Warum verwenden wir so sinnlose Abkürzungen wie »lol« als eigenständiges Wort? Und wer ist beispielsweise auf die Idee gekommen, dass man statt »Biologie« jetzt nur noch »Bio« sagt? Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet lógos doch Lehre und bios Leben – zusammen also Lehre des Lebens. Aber was bedeutet es dann, wenn ich sage, ich habe Bio-Unterricht?

Wir wenden uns langsam von unserer Sprache ab. Wir misshandeln sie, nehmen Teile von ihr und mischen sie mit anderen Sprachen. Stellen Sie sich vor, sie müssten ihren linken Arm gegen den eines anderen Menschen tauschen. Würde Ihnen das gefallen, wenn Ihr eigener Arm voll funktionstüchtig wäre und nach der Operation ohnehin nur auf dem Müll landete?

Es liegt in der Natur der Dinge, dass sich Dinge verändern. Die bereits erwähnte Lehre des Lebens kennt verschiedene Theorien solcher Veränderungen, Evolution ist ein fester Bestandteil der Forschung. Und Veränderung ist auch wichtig und gut, damit die unpraktischen und vielleicht auch gefährlichen Dinge ausgesondert werden können. Keiner würde heute mehr das Wort »Herrenrasse« verwenden, und das ist auch gut so. Manche Worte bleiben besser unausgesprochen und manche Gedanken werden am besten nie ausformuliert. Manchmal ist sogar die Verwendung einer anderen Sprache durchaus angemessen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Fachbegriffen.

Aber das bedeutet nicht, dass wir Worte austauschen müssen, die eine eigenständige Bedeutung im Deutschen haben. Wir haben eine unwahrscheinliche Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten, die wir nicht nutzen. Wir verzichten auf Endungen, ignorieren grammtische Regeln, lassen ganze Wortteile weg und bilden uns dann noch ein, das wäre nur eine weitere Veränderung in der Sprache, die sich entweder durchsetzen wird oder eben nicht. Aber diese Art von Veränderung kann nur endgültig sein. In einer Zeit der Technik verzichten wir immer mehr darauf, mit unseren Mündern zu sprechen, wir stürzen uns auf moderne Medien wie ICQ, Skype oder SMS. Mit der Mühe, unsere Worte in eine Tastatur zu tippen, kommt auch die Faulheit. Wir kürzen, verwenden andere – kürzere – Worte und vergessen immer mehr unsere eigentliche Vielfalt, unsere Kreativität verkümmert. Welcher Schüler schreibt noch in Schachtelsätzen, wie manche große Autoren das getan haben? Wer kann einen Text schreiben, der frei von ausländischen Wörtern ist? Wer ist in der Lage, auch beim plaudern im Internet (chatten) seinen inneren Schweinehund zu überwinden und alle Wörter vollständig auszuschreiben?

Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, werden wir mehr und mehr auf Sprache verzichten. Das geschriebene Wort – eine der größten Erfindungen der Menschheit – wird sie mehr und mehr verdrängen, aber am Ende wird sie sich auch selbst vernichten. Vielleicht kommunizieren wir eines Tages nur noch auf Englisch. Und dieses Englisch wird aus Wörtern bestehen, die zum Teil nur einen Buchstaben lang sind.

Bevor es soweit ist, vergehen hoffentlich noch ein paar Jahre. Vielleicht gehen wir eines Tages dazu über, dass von George Orwell erfundene »Neusprech« zu verwenden. Denn »welche Existenzberechtigung hat denn schon ein Wort, das nur das Gegenteil eines anderen ist?« (George Orwell ›1984‹, Ullstein, Sonderausgabe zum Welttag des Buches 2007, S. 65)

Damals – vor vier Jahren immerhin – war ICQ noch relativ neu für mich, ich hatte mein erstes Handy erst seit ungefähr einem Jahr und ich hatte wohl gerade erst Orwells ›1984‹ gelesen (daher auch diese genaue Quellenangabe). Ich kann mich vage erinnern, wütend am PC gesessen und getippt zu haben, in einem Rutsch, mit einigen nachfolgenden Korrekturen. Denglisch war noch irgendwie neu (zumindest für mich) und die Sprache schien mir auf das schlimmste geschändet.

Bis auf ein Komma ist dieser Text unüberarbeitet, er entspricht also meinen Ansichten und meinem Schreibstil von 2011. Meine erste Amtshandlung in einer Korrektur wäre, den ersten Absatz weniger pathetisch erscheinen zu lassen. Zumal ich mittlerweile weiß, dass auch Tiere sich durchaus einer Sprache bedienen können, wenn sie auch anders funktioniert als unsere. Und können nicht Raben angeblich die Sprache anderer Vögel lernen?

Ein zweiter Schritt würde das nicht minder pathetische Ende betreffen. Es mag hart formuliert sein, dass sich unsere Sprache abschafft – wobei, wenn ich so drüber nachdenke, gefällt mir das, was ich da geschrieben hab, eigentlich ganz gut. Heutzutage sind Abkürzungen á la »CU«, »vllt« und »eig« natürlich mehr oder weniger gang und gäbe (na, wer hätte ohne Duden gewusst, wie man diese Redewendung schreibt?), auch wenn »hdl« zumindest in meinem Alterskreis aus der Mode gekommen ist.

Der langen Rede kurzer Sinn: Um den Text so zu verstehen, wie er gemeint ist, muss man also wissen, dass jene Verkürzungen und das Einfließen das Englischen für mich schlichtweg neu waren. Heute sehe ich manche Dinge nicht mehr so verbissen (vllt weil sie sich als praktisch erwiesen haben). Dennoch finde ich es nach wie vor schade, wie viele schöne deutsche Begriffe durch englische ersetzt werden, ohne dass es einem auch nur bewusst wird. Und es ist traurig, wie viele junge Menschen ›als‹ und ›wie‹ nicht auseinanderhalten können. Dazu eine Anekdote: Ich habe in der 13. Klasse im Leistungskurs Deutsch einen Test über die Schreibung von dass / das vor die Nase gesetzt bekommen, weil so viele im Kurs jene beiden Wörter in den Klausuren falsch verwendet haben.

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