Kleiner Junge

All jenen, die das noch nicht wissen, sei an dieser Stelle noch einmal gesagt, dass ich in der Stadt wohne. (Ich bin beileibe kein Stadtmensch, sondern werde wahrscheinlich immer ein Landei bleiben, aber im Moment bin ich hier gut aufgehoben.) Große Menschenansammlungen haben es an sich, dass man immer mal wunderlichen Gestalten über den Weg läuft, die meisten nimmt man gar nicht mehr richtig wahr. Am letzten Donnerstag bin ich aber einem Menschen begegnet (wenn man das Vorbeilaufen als Begegnung werten will), der mir im Gedächtnis blieb.

Es handelte sich um einen acht- oder zehnjährigen Jungen, der vor einigen Wohnblöcken stand und offensichtlich darauf wartete, abgeholt zu werden. Er trug schwarze Anzugschuhe, eine schwarze Anzughose, ein weißes Hemd, ein schwarzes Jackett und eine rote Fliege. Neben ihm stand ein schlichter kleiner grüner Rollkoffer. In seiner Hand hielt er ein schwarzes Smartphone und starrte angestrengt in die Richtung, aus der vermutlich sein Abholservice kommen sollte.

Angesichts der Tatsache, dass die Musikschule nicht allzu weit von seinem Standpunkt entfernt steht, verwundert dieser Anblick nicht besonders. Gerade Jungs – als Kinder männlichen Geschlechts – werden für ein Vorspiel ja gern mal in einen Anzug gesteckt, was auch sehr niedlich aussehen kann.

Dieser Junge aber war nicht niedlich. Er trug eine Kurzhaarfrisur, die hinteren Haare waren anscheinend schwer zu bändigen und standen etwas ab. Auf seinem Gesicht lag ein angespannter, ungeduldiger Ausdruck, der mehr an einen Geschäftsmann erinnerte, dessen Taxi sich verspätet. Das Smartphone lag lässig in seiner Hand, er bediente es sichtlich zweckmäßig und nicht, um darauf zu spielen. Dieser kleine Junge im Anzug – höchstens zwölf Jahre alt! – stand da, als müsse er dringend zu einem Termin. Ihm fehlte die Ausstrahlung, die ein ungeduldiges Kind hat. Er war nicht gelangweilt und deswegen hibbelig, oder genervt, weil Mama so lange braucht. Er war irgendwie kühl, wie er da so stand, mit seinem grünen Rollkoffer und seinem Anzug.

Natürlich bin ich mir völlig darüber im Klaren, dass der Blick, den ich auf diesen Jungen geworfen habe, zu kurz war, um irgendetwas aussagen zu können. Vielleicht hat er noch am selben Abend geweint, weil er seinen Superman-Schlafanzug nicht anziehen durfte, und vielleicht war er nur so ungeduldig, weil ihm für das bestandene Konzert ein Cheeseburger versprochen worden war. Ich verzichte deshalb auch bewusst darauf, mehr als eine indirekte Bewertung abzugeben (was ich tue, indem ich diesen Text schreibe, wie ich ihn eben schreibe).

Nun, hoffentlich hat der kleine Junge seine Sache gut gemacht – ein Konzert, eine Prüfung oder ein Geschäftsessen.

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