Colins Tagebuch – Prolog

ein Werk von queen pussel

Wir schreiben Samstag, den 10. Oktober 2071. Es regnet in Strömen und der Wind kreischt wie eine alte Frau. Ich habe das Licht ausgeschaltet und mich an den Computer gesetzt, weil ich etwas aufschreiben will, es schon seit Tagen tun will, aber gerade jetzt macht sich das Alter bemerkbar und ich bin müde, unsagbar müde. Ich kann gar nicht begreifen, wie ich es in jungen Jahren bis nachts um drei mitten im Wald aushalten konnte. Oder spielt mir meine Erinnerung da bereits einen Streich?

Ich lege eine Pause ein.

Mein Kater Pepsi hat Einlass verlangt, liegt nun auf meinem Schoß und haart meine Jeans voll. Normalerweise kuschelt er nicht, aber das Gewitter scheint ihn zu beunruhigen. Pepsi ist ein streitsüchtiger Bursche, der mich oft an den Vater von Colin erinnert. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich ihn habe – er muntert mich in meiner leeren Wohnung auf, wenn ich meine einsamen Tage am Fenster verbringe und auf die verlassene Straße hinaus starre, die sich in all den Jahren kaum zu verändern scheint. Es ist noch immer dieselbe graue Linie ins Nirgendwo.

Es ist eine schlechte Angewohnheit von mir, meine Gedanken ausbrechen zu lassen wie wildgewordene Pferde. Eigentlich wollte ich doch von Colin erzählen, und von seinem Freund Kay. Der sich mit einem y schreibt.

Ich habe nie geheiratet. Natürlich würde ich jetzt gern sagen, dass ich es einfach nicht für nötig gehalten habe, die Liebe meines Lebens durch Steuervorteile aufzubessern, oder dass ich mein Leben in der Ehe mit Gott verbracht habe. Kann ich aber nicht. Tatsache ist nämlich, dass mir nie eine Frau über den Weg gelaufen ist, die ich hätte lieben können. So.

Ich habe also nie geheiratet, und ich habe auch keine Kinder bekommen. Vielleicht hat irgendeine arme Prostituierte versehentlich meinen Bastard in die undankbare Welt gesetzt, aber tief in meinem Herzen bin ich von der Unzulänglichkeit meiner Spermien überzeugt. Wenn ich es nie habe nachprüfen lassen, dann nur, weil ich Angst davor hatte – nicht etwa, um einen Vaterschaftstest unnötig zu machen.

Gemeinsam mit Pepsi wohne ich in dem Haus, das meine Eltern selig im Hochsommer 1999 bezogen haben. Ich war damals auch schon existent, das wusste nur noch niemand. Ich sitze an einem Schreibtisch, den mein das Altmodische liebender Vater vermutlich verachtet hätte, vor einem Computer, mit dem mein Vater nicht hätte umgehen können. Pepsi hätte meine Mutter zum Niesen gebracht. Sie hatte eine Allergie. Die meisten Möbel musste ich in der Krise verkaufen, in die mich ein verlorener Job gebracht hatte, aber ein paar sind noch da, wie das alte Ehebett meiner Eltern beispielsweise. Draußen im Garten steht noch die Tanne, die meine Großmutter zu meiner Geburt gepflanzt hat.

Ein Stück die Straße runter, in der Nummer 7, wohnten bis vor einigen Wochen zwei ältliche Herrschaften. Ich glaube, sie waren schwul, bin aber nicht ganz sicher. In der heutigen Zeit kann man sich nichts mehr sicher sein. Jedenfalls ist nun der eine von den beiden ganz plötzlich an einem Schlaganfall gestorben und sein trauernder Mitbewohner in ein Altenpflegeheim irgendwo in der nächsten Stadt gezogen.

Alles in mir wehrte sich, aber schließlich bat ich doch darum, mich in dem Haus umsehen zu dürfen. Ich wollte wissen, was noch da war.

Viel war es nicht. Die Möbel der Familie Bergmann waren verschwunden. Colins Kinderzimmer hatte sich in eine Abstellkammer verwandelt. Die Kritzeleien an der Küchentür waren abgeschliffen worden. Alles in allem war es ein ausgesprochen trostloser Anblick.

Ohne große Hoffnung ging ich in den Keller hinunter – wo mir vor Staunen glatt der zahnlose Mund offenstehen blieb. Hier türmten sich Kisten und Kartons, angefüllt mit Relikten aus einer anderen, längst vergangen Zeit. Hauptsächlich waren es Bücher, wie sich herausstellte, und ein paar durchgeschmorte Kabel. Ein mottenzerfressener Teddybär, ein kaputter Fernsehbildschirm und eine zerbrochene Blockflöte. Ich habe keine Ahnung, warum jemand all diesen Unsinn aufgehoben hat, es interessiert mich auch nicht. Wichtig ist bloß, dass ich dort sein Tagebuch gefunden habe. An diesem seltsamen Ort, als wäre es dort eigens für mich hinterlegt worden.

Und warum auch nicht?

Ich nahm den kleinen Metallkasten, auf dem ein Zettel klebte, mit nach Hause und schloss ihn dort an meinen Computer an. Die externe Festplatte hatte 500 GB Speicher, aber davon war nicht einmal die Hälfte belegt. Die einzige Datei war mit dem Wort KAY betitelt.

Ich las Colins Tagebuch binnen zweier Tage durch. Danach war ich erstaunt, schockiert, traurig, wütend, aufgewühlt. Manchmal alles gleichzeitig, meistens hintereinander. Manche Dinge verstehe ich jetzt besser.

Seitdem versuche ich, diesen Bericht zu schreiben. Ich will festhalten, was geschehen ist, so wie Colin es getan hat. Ich will sein Tagebuch zu erklären versuchen. Es ist mir ein ungestilltes Bedürfnis, sein Tun zu rechtfertigen.

Mein Kater Pepsi hat eben zu schnurren begonnen.

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