Fluchen ist menschlich

Als ich am späten Samstagabend, so gegen neun Uhr, in Musterdorf im letzten Wagen eines Zuges der Deutschen Bahn Platz nahm, um auf lange Sicht nach Halle zu gelangen, saßen hinter mir zwei etwas ältere Damen, natürlich jede auf einem Vierer-Platz. Die eine hielt ihr Portmonee in der Hand, die andere hatte ihre Handtasche bereits griffbereit. Der Zug fuhr pünktlich los und wenige Minuten später kam die Schaffnerin.

Ich zeigte mein Ticket, so weit, so gut.

Die beiden etwas betagten Damen hinter mir jedoch wollten ihr Ticket gen Entenhausen (das sind zwei Stationen) gern käuflich bei der Schaffnerin erwerben, was diese zu der etwas genervten Aussage verleitete: »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen an den Schalter gehen. Wir hatten in Musterdorf eine halbe Stunde Aufenthalt, warum sind Sie denn nicht gegangen? Jetzt muss ich Ihnen den Bordaufpreis berechnen, das sind zwei Euro extra.«

Darauf antwortete die eine Dame sinngemäß: »Nee, ich hab doch gesagt, ich geh nicht nochmal raus.«

Es wurde sich dann über die Bahn beschwert und über Aufschläge und am liebsten hätten sie vielleicht auch noch den fehlenden Weltfrieden angeprangert, letztlich berechnete die Schaffnerin nur das nötigste. »Wir werden ja auch kontrolliert«, meinte sie aber. Und irgendwie fiel auch das Wörtchen Muttis.

Hm. So weit, so gut. Zwei Stationen später stiegen die Damen (immer noch leise vor sich hin schimpfend) aus.

Ungefähr vier Minuten später stand die Schaffnerin auf ihrem Weg zum Lokführer jäh neben mir – der ganze Wagen war ansonsten leer – und meinte sinngemäß: »Das waren vielleicht zwei alte Schachteln! Haben eine halbe Stunde Zeit gehabt und ich hab denen gesagt, sie sollen sich ein Ticket holen. So was Unverschämtes! Eigentlich hätte ich denen noch vierzig Euro fürs Schwarzfahren abknöpfen müssen! Ab August sogar sechzig Euro!«

Ich versuchte, ihr irgendeine Antwort zu geben, die mich aus der Schussbahn hielt (etwas wie: Hm, ja, schon irgendwie ‘ne Frechheit). Und dann der Satz: »So ‘ne zwei Schwuchteln!«

Liebe Frau Schaffnerin, Schwuchteln sind für gewöhnlich männliche Homosexuelle. Die beiden älteren Herrschaften waren eindeutig weiblich.

Das zum einen.

Zum anderen kann ich Ihre Wut nachvollziehen – sicher hatten Sie einen harten Tag, mussten sich viele dumme Kommentare anhören und oft genug Beschwerden ganz allgemein gegenüber der Deutschen Bahn entgegennehmen. Ich verstehe, dass Sie sich über das, was die Frauen gesagt haben, geärgert haben. Das gibt Ihnen aber nicht das Recht, sie als Muttis zu bezeichnen, und schon gar nicht als alte Schwuchteln. Sie können mir gegenüber gern ihrer Verärgerung Ausdruck verleihen – ich unterhalte mich gern mit Ihnen – aber das ging ein wenig zu weit.

Hm.

Ja – es ging zu weit. Und trotzdem kann ich Ihnen nicht böse sein. Es war neun Uhr abends, der Tag war lang, die beiden Frauen haben sich wirklich unmöglich benommen und letztlich haben sie es Ihnen noch nicht einmal gedankt, dass Sie den angedrohten Aufpreis dann doch weggelassen haben. Sie haben versucht, höflich zu bleiben, was sicher auch nicht immer leicht ist. Und dann haben Sie sich hinterher (!) bei mir beschwert, haben mal kurz Dampf abgelassen.

Und – das ist okay. Fluchen ist menschlich. Es freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte. Sie haben mich herzlich zum Lachen gebracht. Aber ich habe damit auch gewartet, bis Sie außer Hörweite waren.

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