Herr Goethe, sagen Sie doch mal …

Wenn ich die Chance hätte, mich einmal mit einem toten deutschen Dichter zu unterhalten, vorzugsweise Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Schiller, so würde ich ihn fragen, ob er in jeden Satz seiner Werke wirklich so viel Gewicht gelegt hat, wie die lieben Lehrer es uns in der Schule weismachen wollten.

Ich kann mich erinnern, wie wir im Deutschunterricht einzelne Strophen und Satzfetzen auseinandergenommen haben und ich immer wieder dachte: Meine Güte, vermutlich hat er genau diese Formulierung nur genommen, weil sie ihm gerade in den Sinn gekommen ist und ein wenig Abwechslung reinbrachte. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass jedes kleine Wort in einem Werk mit vierzig, fünfzig Seiten (und mehr) durchdacht sein soll.

In diesem Zusammenhang bin ich von einer damaligen Klassenkameradin mal gefragt worden, ob ich selbst so arbeiten würde – ob ich mir über jede Formulierung immer minutenlang den Kopf zerbrechen würde. Nun, ich tat es damals nicht und ich tue es auch heute nicht. Und ich halte es auch nicht für sinnvoll.

Viele Dialoge (um diese mal als Beispiel zu nehmen) entstehen bei mir völlig aus dem Bauch heraus. Manchmal weiß ich, worauf das Gespräch hinausläuft (dann wird die Stelle vielleicht sogar gut), manchmal weiß ich das erst mehrere Seiten später und muss den Dialog noch mal komplett überarbeiten. In so einer zweiten Phase denke ich dann tatsächlich über bestimmte Ausdrücke, Angewohnheiten beim Sprechen oder Dialekte nach. Aber auch hier lege ich nicht jedes Wort auf die Goldwaage, schließlich erschaffe ich eine Figur, die irgendwie lebendig sein soll. Bauchgefühl ist da meiner Meinung nach ebenso wichtig wie Sprachgefühl und ein gewisser … Instinkt (Den man hat, oder eben nicht. Es gibt Autoren, die einfach keinen Sinn für wörtliche Rede haben.).

Und dann soll in den klassischen Werken auch oft der Hintergrundgedanke, die Aussage, stecken, all das Zeug, das man im Unterricht lernen soll zu erkennen. So ein Unsinn. Meine Deutschlehrerin in der Oberstufe war – zum Glück! – immer eine Vertreterin der Ansicht, man müsse seine Interpretationsansätze nur gut begründen können, dann dürfen sie auch gerne von der Meinung des Lehrers abweichen.

Vielleicht tue ich Goethe und Schiller und den anderen auch Unrecht und sie haben tatsächlich all die Aufmerksamkeit ins Detail gesteckt. Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass sie oft selbst nicht so genau darüber nachdachten, was sie aussagen wollen, sondern ihrem Instinkt gefolgt sind, der ihnen eine Idee eingepflanzt hat, worauf das Ganze hinauslaufen soll. In vieles kann man eine Menge hineininterpretieren, aber ob das wirklich immer die Kernaussage sein sollte – wer weiß das schon.

Verstehen Sie mich nicht falsch – ich halte nicht die Interpretation berühmter Werke an sich für ›falsch‹, nur die Herangehensweise mancher (!) Pädagogen, mit denen ich in meiner Schulzeit zu tun hatte. Ein Werk besteht eben nicht aus einzelnen Wörtern, sondern aus Sätzen und Abschnitten, die dem Autor so in die Tastatur geraten sind, und die eine lange Geschichte seiner Vorlieben und Gewohnheiten erzählen könnten.

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